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Feministische Studien online

Archiv 1993-2018

Heft 1 Juli 2018 

EINLEITUNG

Die vorliegende Ausgabe der feministischen studien ist nach langer Zeit wieder einmal zu einem »offenen Heft« geworden, weil sich ein ursprünglich geplantes Schwerpunktheft nicht realisieren ließ. Und doch kristallisierte sich schließlich ein Schwerpunkt heraus: Das Heft kreist um die Verbindung zwischen der Kritischen Theorie der sogenannten Frankfurter Schule und feministischen Theorien, wie sie wesentlich von Regina Becker-Schmidt geprägt wurde, deren Arbeiten die Frauen- und Geschlechterforschung in der Bundesrepublik nachhaltig geprägt haben und immer noch prägen. Regina Becker-Schmidt ist im Mai letzten Jahres 80 Jahre alt geworden. Zu ihren Ehren richteten Sarah Speck und Stephan Voswinkel im November 2017 im Frankfurter Institut für Sozialforschung (IFS) einen Workshop aus, in dem es unter anderem um die Aktualität der Verbindung zwischen Kritischer und feministischer Theorie ging. Aus diesem Kontext stammt eine Reihe von Beiträgen in diesem Heft.
Regina Becker-Schmidt, so hieß es in der Ankündigung der Veranstaltung im November 2017, »steht mit ihrem Werk für die Verbindung von Kritischer Theorie in der Frankfurter Tradition und feministischer Theorie. […] Eines ihrer besonderen Verdienste besteht darin, sich kritisch mit der Leerstelle der Geschlechterverhältnisse in der Frankfurter Schule befasst zu haben und zugleich die sich entwickelnden feministischen Theorien auf das Erbe der Kritischen Theorie zu verweisen. Anders würden diese ihrer gesellschaftskritischen Aufgabe nicht gerecht werden können.«
Ab 1957 hatte Becker-Schmidt Soziologie, Philosophie, Ökonomie und Sozialpsychologie an der Goethe Universität in Frankfurt studiert. Nach dem Diplom war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Assistentin bei Theodor W. Adorno sowie als Dozentin am gesellschaftswissenschaftlichen Fachbereich tätig. Von 1973 an bis zu ihrer Emeritierung im Jahre 2002 war sie Professorin am Psychologischen Institut der Universität Hannover, das später im Institut für Soziologie und Sozialpsychologie der Gottfried Wilhelm Leibniz-Universität Hannover aufging. Ihre Lehr- und Forschungsgebiete waren: psychoanalytisch orientierte Sozialpsychologie, Sozialisation der Geschlechter, Theorien zum Geschlechterverhältnis und sozialpsychologische Aspekte der Technikentwicklung.
Dem Workshop in Frankfurt in November ging ein öffentlicher Vortrag Regina Becker-Schmidts an der Universität voraus, den wir in leicht veränderter Form aufnehmen. Mit dem Titel »Auf den Schultern großer Vorbilder stehend, sieht man mehr und weiter, und aus einem feministischen Blickwinkel auch vieles anders« spielt Becker-Schmidt gewiss auf eigene Vorbilder, namentlich auf ihren akademischen Lehrer Theodor W. Adorno an, aber er gehört nicht zu den »Riesen«, denen sie sich in dem Beitrag ausdrücklich zuwendet. Es geht vielmehr um die Bedeutung der Theorien von Max Weber, Karl Marx und Sigmund Freud für und deren kritische Rezeption durch die Frauen- und Geschlechterforschung nach 1968. Damit situiert sich die Rednerin zugleich in jenem Umfeld feministischer Theoriebildung, das sie sich, eigenem Bekunden zufolge, erst nach ihrer Zeit in Frankfurt allmählich angeeignet hat.
Eines der zentralen Themen der Frauen- und Geschlechterforschung in den 1970er Jahre war das der Arbeit. Die Jahre 1970 – 1979 waren politisch aufregende Zeiten, in denen die Frauenbewegung eine euphorische Phase erlebte, die in eine Aufbruchsphase der Institutionalisierung der Frauen- und Geschlechterforschung überging (Vogel 2006).
Als eine wichtige Keimzelle der Institutionalisierung von Frauen- und Geschlechterforschung in der Bundesrepublik wird häufig das 1974 eingerichtete bis 1981 finanzierte DFG-Schwerpunktprogramm »Integration der Frauen in die Berufswelt« genannt. Ein Standort für diesen Schwerpunkt war das IFS in Frankfurt, an dem Christel Eckart, Ursula G. Jaerisch und Helgard Kramer ein Projekt »Frauenarbeit in Familie und Fabrik. Eine Untersuchung von Bedingungen und Barrieren der Interessenwahrnehmung von Industriearbeiterinnen« durchführten. Ein weiterer Standort war das Psychologische Institut an der Universität Hannover, an dem Regina Becker-Schmid mit Uta Brandes-Erlhoff, Marva Karrer, Gudrun Axeli Knapp, Mechthild Rumpf und Beate Schmidt zusammen in einem Projekt über »Probleme lohnabhängig arbeitender Mütter« arbeitete. Auffallend ist, dass alle diese empirisch ausgerichteten Projekte außer dem Hannoverschen an Forschungsinstituten und nicht an Universitäten angesiedelt waren. Christel Eckart führt auf diesen Umstand eine größere Nähe dieser Projekte zur Frauenbewegung zurück (vgl. Bock 2014, 87). Indirekt wird dies von Regina Becker- Schmidt bestätigt, die 1994 in einem Interview sagte:
 »Das erste empirische Projekt, in dem ich selbst die Leitung übernahm, war […] eine Studie über Industriearbeiterinnen. Aber meinen Weg in die Frauenforschung im Sinne eines wirklich feministischen Engagements habe ich erst in der Kooperation mit Kolleginnen aus dem DFG-Schwerpunkt »Integration der Frau in die Berufswelt« gefunden, in dem auch das Arbeitermütter-Projekt angesiedelt war. Viele von den Wissenschaftlerinnen, die ich in diesem Forschungszusammenhang kennenlernte, waren sehr viel stärker auf die Frauenbewegung bezogen, als ich es war – ich glaube, mir war damals noch längst nicht klar, was ›feministisch‹ eigentlich bedeutet« (Becker-Schmidt 1994).
Am IfS und an der Goethe Universität in Frankfurt entstand zwischen Mitte der 1970er und 1980er ein wichtiges »Nest« der Frauen- und Geschlechterforschung, das mit dem Cornelia Goethe Centrum noch heute fortbesteht. Auch in Hannover bildete sich ausgehend von der geistes- und sozialwissenschaftlichen Fakultät der ehemaligen Technischen Universität ein sehr produktives Netzwerk von Frauen- und Geschlechterforscherinnen mit einer großen Anziehungskraft für Studierende und Nachwuchswissenschaftlerinnen. Regina Becker-Schmidt hat nicht nur durch ihre Lehre und Forschung für diese Attraktivität gesorgt, sondern auch als vorläufige Frauenbeauftragte der Universität Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre dafür gekämpft, an der Universität ein ausreichend etatisiertes Modell zur Gleichstellung und Frauenförderung durchzusetzen. Das damals konzipierte Modell wurde für alle niedersächsischen Hochschulen verbindlich. Aber der blühende Lehr- und Forschungszusammenhang der Gender Studies an der Hannoverschen Universität hat sich selbst aufgelöst, als die Mittel für seine Verwaltung gestrichen wurden. Die mit dem Schwerpunkt verbundenen Professuren wurden nach der Emeritierung der Stelleninhaberinnen umgewidmet. Vor diesem Hintergrund wäre ein Workshop zu Ehren Regina Becker-Schmidts aus Anlass ihres 80. Geburtstags an der Leibniz Universität kaum vorstellbar gewesen.
Axeli Knapp nannte in ihrer Laudatio den Workshop in Frankfurt, an jenem Ort, an dem Regina Becker-Schmidt »ihre ersten Erfahrungen mit Wissenschaft als Beruf« gemacht hatte, einen »Möglichkeitsraum zur Vergewisserung über Fragen der Tradierung kritischen Denkens«, der zwischen jüngeren und älteren Wissenschaftler_innen gemeinsam zu konstituieren sei. Sie hat mit »Denken – Bewegen. Erfahrungen mit Regina Becker-Schmidt« als ehemalige Studentin, spätere Mitarbeiterin, Kollegin und Freundin Becker-Schmidts eine Näheperspektive übermittelt, die auch den anderen Beiträger_innen und Teilnehmer_innen den Einstieg in die Diskussion leicht gemacht haben mag.
Wir dokumentieren die Workshop-Beiträge zu verschiedenen Aspekten der Arbeit Regina Becker-Schmidts als offene Beiträge, als Einstiege in eine Diskussion, die über den Workshop hinaus weitergeführt werden kann. Die Texte sind in sich mehr oder weniger abgeschlossen, so wie sie in Frankfurt vorgetragen wurden. Barbara Umrath ist in ihrem Beitrag »Leerstelle Geschlechterverhältnisse« der Frage nachgegangen, inwiefern der Vorwurf einer Vernachlässigung der Geschlechterverhältnisse gegenüber der (älteren) Kritischen Theorie gerechtfertigt ist. Es gebe zwar von heute aus gesehen einen Mangel an einer systematischen Ref lexion von Geschlecht und Geschlechterdifferenz in der Kritischen Theorie, von einer »Leerstelle« könne aber nicht die Rede sein, für diese Wahrnehmung sei vielmehr eine spezifische Rezeption verantwortlich. Diese verstellte Rezeption zeichnet Umrath am Beispiel der Studien zu Autorität und Familie nach, um anschließend anhand anderer Primärtexte zu klären, »wie sich die Kritische Theorie mit Geschlechterverhältnissen beschäftigt und diese verstanden hat«.
In ihrem »Plädoyer für eine neue Liaison« von Kritischer und feministischer Theorie stellt Sarah Speck fest, dass in der feministischen Theoriebildung durch die Verschiebung »zur Frage der Herstellung der Geschlechterdifferenz und geschlechterdifferenzierender Praktiken die Frage einer Gesellschaftstheorie in den Hintergrund gerückt« sei, so wie Großtheorien ohnehin mit dem Verdacht begegnet wurde, dass sie regelmäßig androzentrischen und tendenziell auch eurozentrischen Perspektiven unterlägen. Für die »Distanznahme« gegenüber der Kritischen Theorie sei jedoch auch feministische Kritik an den Schriften einzelner Autoren verantwortlich gewesen.
Speck plädiert dafür, die Verbindung zur Kritischen Theorie Frankfurter Provenienz wieder aufzunehmen, gerade wegen ihres heute mehr denn je benötigten Fokus auf gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge. »Äußere und innere Vergesellschaftungsprozesse spielen hier ebenso eine Rolle wie latente Dynamiken, und ein Begriff von Gesellschaft, der – wie Regina Becker-Schmidt immer wieder betont hat – mit Adorno als Relationsbegriff verstanden werden muss.«
Stefan Kerber-Clasen und Stephan Voswinkel befassen sich mit »Regina Becker-Schmidts Beitrag zur sozialphilosophischen und soziologischen Debatte um Anerkennung«. Becker-Schmidt hat sich demnach bereits in den 1980er Jahren aus der Perspektive der Geschlechtersoziologie mit dem Thema der Anerkennung befasst. Kerber-Clasen und Voswinkel haben im Werk von Becker-Schmidt drei Thematisierungen von »Anerkennung « ausgemacht, denen sie nachgehen, »um sie als wesentliche Beiträge zu einer Theorie der Anerkennung würdigen zu können. Es handelt sich 1. um eine Auseinandersetzung mit der Position von Nancy Fraser in ihrer Kontroverse mit Axel Honneth aus dem Jahre 2001, 2. um die Thematisierung von Anerkennung im Rahmen der Überlegungen zur doppelten Vergesellschaftung von Frauen Anfang der 1980er Jahre, in denen Tätig-werden, Anerkennung und Aneignung auf sehr fruchtbare Weise zusammengedacht werden, und 3. um die Relationierung von Geschlechterverhältnissen mit gesellschaftlichen Sphären, in der sich Anerkennungs- und Missachtungsverhältnisse verbinden und potenzieren.«
Brigitte Aulenbacher nimmt mit Bezug auf Arbeiten Becker-Schmidts in ihrem stark epistemologisch ausgerichteten Beitrag aus der Perspektive einer feministischen Arbeits- und Industriesoziologin das Thema »Care und Care Work« in den Blick. Care und Care Work bildete immer schon einen starken Bezugspunkt der Diskussion um den Begriff der Arbeit in der feministischen Diskussion und ist zugleich einer der entscheidenden Punkte, wenn es um die produktive Verbindung zwischen Kritischer und feministischer Theorie geht. Die starke Ausgangsthese von Brigitte Aulenbacher lautet, dass sich seit den 1970er Jahren eine neue Stufe der Vergesellschaftung sozialer (und ökologischer) Reproduktion beobachten lässt, darunter auch die von Care und Care Work und dass diese Entwicklung sowohl die Kritische als auch die feministische Theorie in neuer Weise herausfordert. Diese neue Stufe der Vergesellschaftung von Care und Care Arbeit beeinflusst, wie das Thema Sorgearbeit wissenschaftlich und gesellschaftlich aufgenommen wird.
Der Schwerpunkt wird abgerundet durch einen ausführlichen Tagungsbericht von Sarah Luki Schmitz und durch eine Rezension von Bettina Hoeltje über das Buch »Pendelbewegungen – Annäherungen an eine feministische Gesellschafts- und Subjekttheorie« von Regina Becker- Schmidt.
Im Gespräch mit Susanne Rauscher »Der Reproduktionsbereich war in der marxistischen Theorie lange kein Thema«, wagt Silvia Kontos, Soziologin und Feministin, einen Rückblick, eine Bestandsaufnahme und einen Ausblick unter anderen auf die Frage, wie sich die feministische Debatte um Erwerbs- und Hausarbeit seit den 1970er Jahren entwickelt hat. Auch hierbei hat der bereits erwähnte DFG-Schwerpunkt eine Rolle gespielt, wichtiger waren aber Anstöße aus der britischen und italienischen Frauenbewegung, die mit den Namen Selma James und Mariarosa Dalla Costa verbunden sind.
Feministische Theoriebildung entstand im Zuge der zweiten Frauenbewegung nach 1968 als entschiedene und radikale Kritik der »herrschenden « Wissenschaft, wie sie an den Universitäten gelehrt wurde. Barbara Rendtorff diskutiert in ihrem Artikel »Aus der Geschichte Feministischer Theorie und Praxis – die Arbeit der Frankfurter Frauenschule« am Beispiel des »Frauen-Bildungs-Projekts« die Bedeutung der Arbeit in diesen Projekten für die Identitätsbildung der Beteiligten, aber vor allem für die Entstehung und Entwicklung feministischer Theoriebildung. Es geht Rendtorff aber nicht ›nur‹ um die historische Aufarbeitung der feministischen Theoriebildung, sondern vor allem um die Frage, was aus der Arbeit dieser Projekte der 1980er Jahren für die gegenwärtige Diskussion über die Frauen- und Geschlechterforschung und für kreative Theoriebildung gefolgert werden kann. Die Idee hinter den damaligen Projekten war, Reflexionsräume jenseits akademischer Zwänge entstehen zu lassen, in denen in radikaler Kritik am Mainstream der Wissenschaft kreative Theoriebildung möglich werden sollte. Diese Räume erlaubten es Frauen, so zeigt der Bericht, in Kommunikation und in Auseinandersetzung mit anderen Frauen jene eigene gesellschaftliche Wirklichkeit sichtbar zu machen, die in der herkömmlichen Wissenschaft verschwiegen, verzerrt oder reduziert dargestellt wurde.
Auch Barbara Grubner und Bernadette Grubner stellen in ihrem Beitrag »Wissenschaft, Leidenschaft und das Denken der sexuellen Differenz« die Frage, ob Universitäten heute überhaupt (noch) Orte sind, an denen die Befriedigung von Erkenntnisinteressen, leidenschaftlicher intellektueller Austausch und freies, kritisches Denken stattfinden kann. Faktisch verhinderten die Universitäten heute kritische Denkrichtungen. In ihrem Beitrag argumentieren Barbara und Bernadette Grubner, dass einige von Virginia Woolf in den 1920er Jahren angestellte Überlegungen darüber, wie die Institutionen der Wissenschaft Frauen davon abhalten ihrer Leidenschaft nachzugehen, nach wie vor aktuell sind. Die Abschaffung dieser Hindernisse scheint dringend geboten. Dies gilt unter anderem für die von Woolff verlangte bedingungslose materielle Absicherung, eine Forderung, die angesichts der Umstrukturierungen im Wissenschaftsbetrieb der letzten Jahrzehnte gerade für Frauen wieder besonders aktuell ist. Barbara und Bernadette Grubner plädieren zudem dafür, die Reflexion über die ungleichen Geschlechterverhältnisse in der Wissenschaft nicht von den gesamtgesellschaftlichen Geschlechterverhältnissen zu trennen.
Der Beitrag »Zur moralischen Anfechtbarkeit geschlechtlicher Fehlkategorisierungen « von Stephanie Julia Kapusta in der Rubrik »Außer der Reihe« behandelt die moralphilosophischen Implikationen von verfehlten Geschlechtszuschreibungen bei Transsexuellen. Die Autorin verortet sich in der analytischen feministischen Philosophie bzw. Geschlechtertheorie. Die Bearbeitung feministischer und geschlechtertheoretischer Fragestellungen im Rahmen der analytischen Philosophie ist eine relativ neue Entwicklung. Für Kapusta geht es um eine theoretische Erweiterung der feministischen Perspektive innerhalb der analytischen Philosophie, die als Ausgangspunkt für eine Debatte zur ›gender non-conformity‹ dienen kann. Im Zentrum steht die Entwicklung eines Konzepts von Geschlechtszuschreibung, die auch Transgender-Personen umfasst. Die Forschungsfrage überschreitet den rein akademischen Kontext, insofern als gegenwärtig die spezifischen Rechte von Transgender Personen in westlichen Ländern diskutiert werden. Kapusta entwickelt die Fragestellung aus der Perspektive von Transgender-Personen, die ihrer Ansicht nach über ein »epistemisches Privileg« verfügen. Sie plädiert auf der Basis der Autorität der Ersten Person denn auch für das Recht sich die Geschlechtsidentität selbst zuzuerkennen.
Alexandra Busch stellt uns mit ihrem Essay »Furchtlos auf das Schreckliche zu« die Arbeiten der in Bielefeld lebenden Fotografin Fotojournalistin Hermine Oberück vor. Oberück beschäftigt sich mit gesellschaftspolitischen Themen, wie der Anti-Atomkraft-Bewegung, mit der Lebenssituation behinderter Menschen oder an Brustkrebs erkrankter Frauen. Sie ist berühmt für ihre Langzeitstudien, so hat sie nach der Reak torkatastrophe von Tschernobyl die Entwicklungen in den vom Fallout besonders betroffenen Gebieten über einen Zeitraum von 25 Jahren fotografisch dokumentiert. Sie macht Portraits von Menschen mit Migrationsgeschichte, von künstlerisch aktiven Menschen mit Behinderung und Frauen, die in der Pflege von alten Menschen tätig sind. Alexandra Busch hat einige der Bilder für die feministischen studien ausgewählt.

Wir haben in dieses Heft drei Berichte aus verschiedenen Forschungsbereichen aufgenommen: Der Text von Annette von Alemann und Birgit Riegraf beschäftigt sich mit der Entstehungsgeschichte und den Aufgaben der Gender Equality Studies and Training Programme der United Nations University (UNU-GEST), das an der Universität in Reykjavik in Island angesiedelt ist. Franziska Rauchut berichtet aus einem Forschungsprojekt, das sich mit dem Erfolg queer- / feministischer Interventionen gegen die antifeministische Stimmungsmache in den Medien beschäftigen. Damit, wie Geschlecht in Unterrichtsmaterialien für den Sprachunterricht im Deutschen dargestellt wird und inwiefern darin Geschlechterstereotype reproduziert werden, befasst sich Hilke Elsen in dem Beitrag zu Geschlecht in Lehrwerken.

Auch in diesem Heft finden sich wieder eine Reihe von Tagungsberichten und Rezensionen.

Zum Schluß: Fünzig Jahre nach 1968 haben wir uns bei der Auswahl unseres Titelbildes von der Aufmüpfigkeit der Guerilla Girls inspirieren lassen. Diese Gruppe von Künstlerinnen, die aufgrund eines Schreibfehlers zu den Gorilla-Masken gekommen sind, die sie bei ihren Aktionen tragen, fordert mehr Kunst von Frauen in den Museen. Wir verlangen mehr feministische und kritische Theorie! Weil wir, wie in einigen der Beiträge dieses Heftes deutlich wird, Grund zu der Befürchtung haben, dass widerständige Theorien in den Institutionen der Hochschulbildung und -forschung heute zu wenig Nährboden finden und im Rückzug begriffen sind.

Regine Othmer und Birgit Riegraf

Literatur

  Becker-Schmidt, Regina (1991): Wenn die Frauen erst einmal Frauen sein könnten. In: Früchtl, Josef / Calloni, Maria (Hrsg.): Geist gegen den Zeitgeist, 206 – 224.
  Becker-Schmidt, Regina (1994): Im Gespräch: Regina Becker-Schmidt mit Helga Bilden und Karin Flaake. In: Journal für Psychologie 2, 3, 58 – 65.
  Becker-Schmidt, Regina (2006): Anstiftungen zum Feminismus. In: Vogel, Ulrike: Wege in die Soziologie, 33 – 49.
  Bilden, Helga / Flaake, Karin (1994): Im Gespräch: Regina Becker-Schmidt mit Helga Bilden und Karin Flaake. In: Journal für Psychologie 2, 3, 58 – 65.
  Bock, Ulla (2015): Pionierarbeit. Die ersten Professorinnen für Frauen- und Geschlechterforschung an deutschsprachigen Hochschulen 1984 – 2014.
  Vogel, Ulrike (2006) (Hrsg.): Wege in die Soziologie und die Frauen- und Geschlechterforschung. Autobiographische Notizen der ersten Generation von Professorinnen an der Universität. Wiesbaden.