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Feministische Studien online

Archiv 1993-2017

Heft 1 Mai 2017 

EINLEITUNG

Queer_Feministische Kritik und öffentliche Interventionen

»r die Beantwortung der Frage, wie weit wir gekommen sind und was wir weiter verändern können, ist es wichtig, die Fortschritte und Emanzipationsschübe […] zu erinnern und zu analysieren. Nicht, um Siege zu feiern, sondern um herauszufinden, was soziale Bewegungen in Bewegung hält«

Ulla Wischermann (2000: 28)

Das Eingangszitat von Ulla Wischermann nennt wichtige Gründe für die Herausgabe des vorliegenden Hefts der feministischen studien, das sich der Gesellschaftskritik in Frauenbewegungen und queer_feministischen Öffentlichkeiten widmet. Mit dieser Themenstellung sind unterschiedliche Fragestellungen verknüpft, die queer_feministische1 Öffentlichkeiten aus historisch-analytischer wie feministisch-gesellschaftskritischer Sicht in den Blick nehmen.

Im Zuge der feministischen Bewegung der 1970er Jahre hat sich gezeigt, wie bedeutsam die Erinnerung an vergangene Frauenbewegungen ist und dass der Aufwand lohnt, sich diese Geschichte wieder anzueignen. Denn das dem Vergessen entrissene Wissen über die Akteurinnen und Richtungen der historischen Frauenbewegung ermöglichte nicht nur, das eigene Tun in einen größeren historischen Zusammenhang zu stellen, sondern auch an vergangene Strategien der Auseinandersetzung und der Mobilisierung anzuknüpfen. So gehört das Wissen um frühere feministische Bewegungen und Kritik zweifelsohne zu den Erfolgsbedingungen der ›neuen Frauenbewegung‹ und der gesellschaftlichen Veränderungen, die sie anstoßen konnte. Angesichts dessen ist es in höchstem Maße besorgniserregend, wenn seit einigen Jahren eine Deartikulation des Feminismus (McRobbie 2009) konstatiert wird, Gender Studies und Geschlechterpolitik heute oft undifferenziert in ›einen Topf‹ geworfen werden und sich darüber hinaus der gleichermaßen pauschalen wie polemischen Abqualifizierung als ›ideologisch‹ ausgesetzt sehen. Im Antifeminismus und Genderhass treffen sich rechtspopulistische und rechtsextreme Bewegungen. Jedoch verweisen nicht nur der unübersehbare Zulauf zu rechtspopulistischen, ja sogar rechtsextremen Parteien in Europa und die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten auf die neue Dringlichkeit einer historisch-analytischen Perspektive und auf die Notwendigkeit, u.a. die Bedingungen der Herstellung einer queer_feministischen Öffentlichkeit zu untersuchen, die Kritik auch in eine hegemoniale Öffentlichkeit zu tragen vermag. Zudem fordern auch die zahlreichen, teils national, teils transkulturell agierenden Protestbewegungen zu neuen wissenschaftlichen Anstrengungen heraus. In den Demonstrationen gegen den Backlash und die neoliberale Transformation der Gesellschaft offenbart sich eine vielfältige Gesellschaftskritik, die emanzipatorische Ziele verfolgt. Die Ziele und Handlungsweisen ihrer Akteur*innen zu beleuchten, die spezifischen Artikulationsformen der unterschiedlichen Bewegungen in ihrer jeweiligen Bedeutung einzuschätzen und die Bedingungen der Einheit in der Vielfalt besser zu verstehen – all das erfordert eine queer_feministische Bewegungs- und Öffentlichkeitsforschung, die ihre Wissensbestände und Forschungstraditionen einsetzt, modifiziert und hinterfragt, um auf diese neuen Herausforderungen zu reagieren.

Als wir im Sommer 2016 mit den Planungen für dieses Heft begannen, konnten wir nicht ahnen, dass Frauen* sich Anfang 2017 zu großen Aktionen zusammenfinden würden. Der Washingtoner Women’s March im Januar 2017, der weltweit von 672 weiteren Sister Marches begleitet wurde (vgl. die Homepage womensmarch.com), demonstriert die große mobilisierende Kraft queer_feministischer Proteste und Bewegungen. Die Rede von Angela Davis zum Women’s March in Washington – nachzuhören und zu lesen auf democracy.now und vielen anderen Internetportalen – endete mit dem Appell:

»This is a women’s march and this women’s march represents the promise of feminism as against the pernicious powers of state violence. An inclusive and intersectional feminism that calls upon all of us to join the resistance to racism, to Islamophobia, to anti-Semitism, to misogyny, to capitalist exploitation.«

Angela Davis Worte erinnern an die Kontroverse, die in Frauen*bewegungen um die Idee von Gemeinschaft geführt wurde und wird. Denn sich umstandslos auf Global Sisterhood zu berufen, bedeutet immer auch zu homogenisieren und damit Differenzen und Ungleichheiten zu übersehen. Eingedenk innerfeministischer Kämpfe, den damit verbundenen

Erfahrungen und deren Theoretisierung, plädiert Davis für eine Solidarität jenseits von Identität und für eine Bündnispolitik des Dissenses, die Widersprüche innerhalb queer_feministischer Bewegungen thematisiert und zugleich Gesellschaftskritik und kollektives Handeln im politischen Kampf gegen Rassismus, Islamophobie, Antisemitismus, Misogynie und kapitalistische Ausbeutung forciert (vgl. hierzu u. a. die Beiträge im Heft1 / 2015 der feministischen studien im Schwerpunkt Solidaritäten).

Angela Davis’ Appell ruft ins Gedächtnis, was in der Zusammenschau auch die Beiträge dieses Heftes illustrieren: Zum feministischen Kritikprojekt, zum Verständnis seiner (Praxis-)Felder und zum Nachvollzug der gewählten Strategien der Intervention – gerichtet etwa auf Identitätsdiskurse, Anerkennungspraktiken oder Umverteilungsfragen – gehören seit jeher queer_feministische Auseinandersetzungen (Knapp 1996, Klinger 1998, Hark 2005, Thomas 2013, Mendel 2015). Ohne Streit, ohne Kontroversen über unterschiedliche Vorstellungen queer_feministischer Kritik waren und sind wirkmächtige Interventionen in gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen nicht möglich. Das zeigen mehrere Beiträge in diesem Heft: So kommentiert Ute Gerhard die offensive Bilderpolitik und Öffentlichkeitsarbeit der englischen Suffragetten, die mit der Wahl ungesetzlicher, militanter Aktionsformen zugleich auf Kritik anderer Richtungen und Organisationen der Frauenbewegung stießen. Jedoch erregten die schockierenden visuellen Inszenierungen der Suffragetten, die bis dahin nicht gesehenen Bilder von Verhaftungen und Gefängnisaufenthalten ›englischer Damen‹ jene öffentliche Aufmerksamkeit, die eine wichtige Vorbedingung dafür war, dass das Wahlrechtsthema nachhaltig im öffentlichen Diskurs verankert und schließlich vom Parlament aufgegriffen werden konnte. Streit und Kontroverse innerhalb der feministischen Bewegung thematisiert auch der Beitrag von Katharina Lux. Am Beispiel der unterschiedlichen Positionierungen der Berliner Frauenzeitung Courage, Die Schwarze Botin und Emma zeigt sie das konfliktreiche Ringen um das Selbstverständnis der autonomen Frauenbewegung Ende der 1970er Jahre und arbeitet heraus, dass diese Auseinandersetzung als produktives Moment in feministischen Erkenntnisprozessen gewirkt hat. Aufschlussreich und auch für gegenwartsbezogene Auseinandersetzungen instruktiv ist dabei u. a. die Darlegung der unterschiedlichen Vorstellungen der drei Redaktions-Kollektive hinsichtlich der Orientierung an einer dominanten Öffentlichkeit, der Notwendigkeit der Konstituierung einer eigenen Frauenbewegung sowie der Rolle und Wirkmacht feministischer Öffentlichkeiten.

Mittlerweile ist der bis in die 1980er Jahre noch relativ unproblematisch verwendete Kritikbegriff selber in den Fokus feministischer Kontroversen gerückt. Dabei lassen sich zwei grundlegend unterschiedliche Auffassungen von Kritik innerhalb queer_feministischer Bewegungen unterscheiden. Manche Ansätze beziehen Kritik auf gesellschaftlich zu erreichende Ziele, vor allem auf Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit, d.h. sie argumentieren normativ und stehen damit in der Tradition der Gesellschaftskritik der frühen Frauenbewegungen. Demgegenüber steht eine andere Auffassung von Kritik, die den Universalitätsanspruch solcher Normen wie Wahrheit, Freiheit oder Fortschritt grundsätzlich hinterfragt und stattdessen die Kontingenz und Partikularität jedweder Gesellschaftskritik betont und auf Strategien der VerUneindeutigung von Normen (Engel 2001) setzt. Auf die Relevanz der unterschiedlichen Kritikbegriffe für queer_feministische Bewegungen weist in diesem Heft Aline Oloff hin. An der Entwicklung der autonomen Frauenbewegung in Frankreich seit den frühen 1970er Jahren zeigt sie, welche Formen der Unterdrückung und Ausbeutung zum Ausgangspunkt feministischer Kritik und feministischen Widerstandes wurden. In den von ihr herangezogenen Texten aus Zeitschriften der Bewegung wird deutlich, dass Machtverhältnisse auch innerhalb der Bewegung thematisiert wurden und zur Infragestellung einer kollektiven Identität ›Frauen‹ führten. Dabei knüpfte die autonome französische Frauenbewegung einerseits an antirassistische und antikoloniale Kämpfe an, verzichtete aber andererseits auf die Thematisierung konkreter Gewaltverhältnisse. In dem Maße, wie der Kolonialismus damit eine bloß metaphorische Präsenz erhält, bleibt die französische Bewegung eine weiße Frauenbefreiungsbewegung. Dabei sind wir uns bewusst, dass auch die Beiträge in dem vorliegenden Heft weitgehend diese Perspektive einnehmen. Umso wichtiger ist Aline Oloffs Hinweis darauf, dass gegenwärtige queer_feministische Kritik und Politik sich dringend der nationalen und europäischen kolonialen Vergangenheit stellen müssen.

Dass es allerdings zunehmend zu einer Herausforderung wird, insbesondere die feministische Kritik, aber auch kritische Sozial- und Kulturforschung überhaupt zu betreiben, erläutert Cornelia Klinger in ihrer Analyse der gegenwärtigen Veränderungen des Bildungs- und Wissenschaftssystems. Ihr Essay in der Rubrik »Außer der Reihe« knüpft an Heft 1 / 2016 der feministischen studien zu »Universitäten im Wandel« an. Klinger problematisiert die Rolle eines Staates, in dem Bildung und Forschung nach neoliberalen Wettbewerbsprinzipien organisiert und mit dem Primat von naturwissenschaftlich-technischen Disziplinen und Beschreibungsmustern neue Macht- und Hierarchieverhältnisse geschaffen werden, denen so manche feministische Utopie zum Opfer fallen muss.

Die in diesem Heft versammelten Beiträge fragen exemplarisch auch nach den Bedingungen, unter denen feministische Kritik öffentlich artikuliert werden konnte und kann: Die Texte beleuchten gesellschaftliche und soziale Voraussetzungen, Träger*innen, Kommunikationsstrukturen und Aktionsformen von Frauenbewegungen und queer_feministischen Bewegungen in ihrem Zusammenspiel mit Öffentlichkeiten. Zentral für die feministische Öffentlichkeitsforschung war die Infragestellung des Dualismus von Privatheit und Öffentlichkeit, die feministische Interventionen begleitet hat. Weiter stießen auch die Verabsolutierung der Massenmedien als nahezu einzige Träger von Öffentlichkeit in klassischen Öffentlichkeitstheorien und die Verwendung eines engen Politikbegriffs, der allein auf staatliche Institutionen fokussiert, auf Kritik. Wie zielsicher die feministische Kritik an Öffentlichkeitstheorien den Finger auf deren Wunden gelegt hat und wie tragfähig die dabei gewonnenen Erkenntnisse bis heute sind, zeigt sich besonders, seitdem das Internet die wissenschaftliche Debatte darüber neu entfacht hat. So sind durch das Internet Mischformen von privaten und öffentlichen Medien und Kommunikationsweisen, die Entgrenzung politischer Debatten und die Existenz pluraler Öffentlichkeiten noch deutlicher hervorgetreten (vgl. Klaus / Drüeke 2017).

Ulla Wischermann hat in ihrer Studie zu »Frauenbewegungen und Öffentlichkeiten um 1900« (2003) nach den Erfolgsbedingungen der Bewegungen zur Reform des Sexualstrafrechts sowie zur Erkämpfung des Wahlrechts um 1900 gefragt. Dabei knüpft sie an Arbeiten von Oskar Negt und Alexander Kluge, Nancy Fraser und Elisabeth Klaus an, die die Bedeutung von Gegenöffentlichkeiten für Demokratie und für gesellschaftliche Veränderungen herausgestrichen haben. Auf der Basis einer großangelegten Netzwerkstudie zeigt Wischermann, dass die Erfolge der von ihr untersuchten Bewegungen auf dem Zusammenspiel unterschiedlicher Öffentlichkeitsebenen beruhten. Sie waren erfolgreich, weil sie Bewegungskulturen, Bewegungsöffentlichkeit und komplexe Öffentlichkeit, also verschiedene Foren der öffentlichen Meinungsbildung, gleichermaßen adressierten – und dabei auf ganz unterschiedliche Medien und Kommunikationsmodi zurückgriffen. Medien in all ihrer Vielfalt haben in Bezug auf die Formierung, Resonanz und Wirkmächtigkeit von Gegenöffentlichkeiten eine herausragende Bedeutung. Die Frauenbewegungsforschung konnte zeigen, wie Medien – vom Flugblatt bis zu Twitter – für die wirkmächtige Thematisierung emanzipatorischer Forderungen ›nach außen‹ genutzt wurden und werden. Wie schon bei den Suffragetten werden sie in der Adressierung einer hegemonialen Öffentlichkeit als Instrumente zur Skandalisierung eingesetzt und fungieren als Mittel, um Ungerechtigkeiten und Exklusionen zu artikulieren und Teilhabe einzufordern.

Jedoch erhöhen Medien und gegenwärtig insbesondere auch Online-Kommunikation nicht nur die Sichtbarkeit von Protestaktionen, sondern sie erleichtern auch die Kontaktaufnahme und den Austausch zwischen den Akteur*innen über räumliche Distanzen hinweg. Mediennutzung und -gebrauch können die Mobilisierung für eine Bewegung fördern, die Reichweite ihrer Forderungen erweitern und die Mitwirkung an Kampagnen erleichtern. So unterstützen Medien die Bildung von Netzwerken über kulturelle, soziale, geographische und staatliche Grenzen hinweg. Die historische Bewegungsforschung hat sich intensiv mit solchen (Frauen)Netzwerken befasst und dabei auch Vergemeinschaftungsprozesse im Vorfeld der ›alten‹ Frauenbewegung analysiert. Johanna Gehmacher zeigt in ihrem Beitrag für dieses Heft, was das Reisen für bürgerliche Frauen damals bedeuteten konnte, wie es die Vernetzung unter öffentlich kaum exponierten Lehrerinnen, aber auch innerhalb der Frauenbewegung förderte und wie gezielt schließlich Vortragsreisen als Teil der strategischen Öffentlichkeitsarbeit von Frauenvereinen eingesetzt wurden. Dabei werden auch die Grenzen deutlich, die geringe ökonomische Ressourcen dem Reisen und damit letztlich auch der Vernetzung setzten.

Mediale und kulturelle Produktionen wie Bewegungszeitschriften, Zines und Blogs waren und sind für die bewegungsinterne Kommunikation bedeutsam. Die kollaborative Arbeit etwa an Zines befördert ein feministisches Bewusstsein, weckt die Lust am gemeinsamen Lernen – auch in Kontroverse – und ermöglicht ermächtigende Erfahrungen, wenn Forderungen kollektiv formuliert und durchgesetzt werden. Sie dienen als Plattformen für feministische Selbstverständigungsprozesse, tragen zur Herausbildung einer eigenen Bewegungskultur bei und erleichtern die Vernetzung. Im Kontext einer DIY (Do it Yourself )-Kultur entstehen heute queer_feministische Comics, Graffiti oder Zines von meist jungen Frauen*, die etwa aufgrund ihres migrantischen ›Hintergrunds‹ oder ihres sexuellen Selbstverständnisses in der hegemonialen Öffentlichkeit keine Stimme haben oder nach Alternativen zu den disziplinierenden Anforderungen der neoliberalen ›Arbeit am Selbst‹ suchen. Beispiele der in diesen Kontexten entstandenen kulturellen Produktionen finden sich auf den folgenden Seiten. Die Mehrheit dieser Abbildungen entstammt einer Toolbox, deren Kontext Elke Zobl erläutert. Die Toolbox stellt vielfältige Materialien für die edukativ-partizipative Arbeit bereit und ist Ergebnis von kollaborativen Projekten, in denen Schüler*innen, vor allem Mädchen, gemeinsam mit Künstler*innen und Wissenschaftler*innen gearbeitet und ihre Interessen und Ideen im öffentlichen Raum mittels künstlerischer Strategien und kultureller Interventionen artikuliert haben. Unser nachdrücklicher Dank gilt den Produzent*innen, Zeichner*innen und Fotograf*innen für ihre Zustimmung zum Abdruck der Bilder. Von Elke Zobl stammt auch die schöne Collage, die wir für das Cover dieser Ausgabe verwenden durften; die Zeitschriftentitel verweisen u. a. auf postkoloniale, queere und transfeministische Ansätze und Politiken, für die wir uns im vorliegenden Heft eine darüber hinausgehende Präsenz gewünscht hätten.

Mit der Vervielfältigung von Formen und Foren der medialen Kommunikation durch das Internet gibt es gegenwärtig allen Grund, die Bedeutung der verschiedenen Medien für einerseits Interventionen in hegemoniale Öffentlichkeiten und andererseits für die Schaffung vielfältiger feministischer Gegen- und Bewegungsöffentlichkeiten erneut zu reflektieren. Zweifellos haben sich die Kommunikationsforen und -formen von Frauenbewegungen und queer_feministischen Bewegungen enorm erweitert, zumal die digitale Kommunikation die Herausbildung von Netzwerken vereinfacht. Jedoch bleibt die Frage, inwiefern damit auch eine Stärkung queer_feministischer Positionen einhergeht. Ricarda Drüeke zeigt in ihrem Beitrag im Diskussionsteil die Ausweitung feministischer Handlungsmöglichkeiten im Internet durch Twitter und Blogs und differenziert diese digitalen Plattformen entsprechend ihrer Tiefe, Reichweite und Langfristigkeit. Sie eröffnet damit ein Forschungsfeld, das noch viele Fragen für eine queer_feministische Öffentlichkeitsforschung aufwirft, wie etwa nach den spezifischen Verbindungen von Online- und Offline-Medien für die Erfolge von Bewegungen.

Ricarda Drüeke weist auch darauf hin, dass diese neuen medialen Artikulationsmöglichkeiten neue Verletzbarkeiten beinhalten und neue Angriffe durch antifeministische Akteur*innen hervorgebracht haben, die den Handlungsraum queer_feministischer Öffentlichkeiten etwa mittels Hatespeech und unverhohlenen Drohungen begrenzen. Denn Medien haben stets Anteil an der Verfestigung alter oder der Begründung neuer Machtverhältnisse und Hierarchien, die mitbestimmen, wer Zugang zu Medien erhält und die notwendigen Voraussetzungen und Kompetenzen erwerben kann, um diese produktiv zu gebrauchen. Das gilt innerhalb queer_feministischer Bewegungen, aber mehr und wohl auch folgenreicher noch mit Blick auf Antifeminismus, Anti-Genderismus (Hark / Villa 2015) und Frauen*feindlichkeit. Stets wurden und werden feministische Bewegungen in hegemonialen Öffentlichkeiten und Medien reflektiert und repräsentiert, oft auf eine Weise, die ihre Handlungsmöglichkeiten einschränken und Sanktionen gegen ihre Akteur*innen legitimieren. In den Medien werden Widerstände artikuliert und Akteur*innen bedroht und diffamiert. Im Internet finden sich Aggressionsformen, die in den traditionellen Medien und in der klassischen Öffentlichkeit verpönt waren und gesellschaftlich nur noch in Nischen ihren Platz fanden. Gleichwohl sind antifeministische Netzwerke kein ganz neues Phänomen, sondern waren auch historisch wirkmächtig (vgl. Planert 1998) – und wurden und werden auch von Frauen* mitgetragen.

Aber auch unabhängig von organisierten antifeministischen Bündnissen werden in hegemonialen Öffentlichkeiten Grenzen errichtet – zwischen ›guten‹ und ›schlechten‹ feministischen Positionierungen und Strategien, zwischen Akteur*innen, die in den traditionellen Medien zu Wort kommen und solchen, die nicht gehört werden. Forderungen feministischer Bewegungen konnten so von ihrem gesellschaftskritischen Impetus abgespalten und für Modernisierungen im neoliberalen Kapitalismus genutzt werden. Das gilt etwa für die in den 1970er Jahren geforderte Neugestaltung von Produktions- und Reproduktionsbereich, die zwar den Eintritt von Frauen in das Arbeitsleben forcierte, aber die gesellschaftliche Geringschätzung von häuslicher Pflegeleistung und Reproduktionsarbeit nicht verändert hat (vgl. Fraser 2009). Das gilt auch für die öffentliche Thematisierung von sexueller Gewalt gegen Frauen*, die heute für rassistische Positionen missbraucht wird. Diese Entwicklungen werfen die Frage nach den Strategien und Möglichkeiten auf, sich gegen Enteignungen, Spaltungen und Antifeminismus zur Wehr zu setzen. Für die Netzkommunikation verweist Ricarda Drüeke auf Aktionen und Maßnahmen, um sich erfolgreich gegen Hatespeech und Trolle zu wehren. Online und Offline versetzt der gesellschaftliche Backlash derzeit zahlreiche Feminist*innen in vielen Ländern der Welt in Bewegung und lässt sie ihre Stimme erheben.

Damit schließt sich der Bogen unserer Einleitung, denn das Wissen um eine Geschichte der Emanzipation, der queer_feministischen Interventionen und der Gesellschaftskritik ist ein wichtiger Faktor im Widerstand und Zusammenschluss gegen reaktionäre gesellschaftliche Tendenzen. Entsprechend haben Aktivist*innen und Sympathisant*innen, aber auch Wissenschaftler*innen immer wieder nach ihrer ›eigenen Geschichte‹ und den feministischen ›Vor-Gängerinnen‹ gesucht. Das Interview, das Susanne Kinnebrock mit der Journalistin, Aktivistin und Feministin Inge von Bönninghausen geführt hat, gibt Auskunft über die große Bedeutung dieser historischen Spurensuche, denn die frühe autonome Frauenbewegung der 1970er Jahre verstand sich selbst als völlig neuartige Bewegung ohne historische Vorbilder (Wolff 2012), zumal das wenige, was über die historische Frauenbewegung bekannt war – das sozialreformerische Engagement des bürgerlich-gemäßigten Flügels –, nicht zur Identifikation und eigenen Traditionsbildung einlud (Schallner 2016).

Die Frauenbewegungsforschung – verwiesen sei hier vor allem auf den Frankfurter Forschungszusammenhang um Ute Gerhard und Ulla Wischermann – hat mit ihren Arbeiten zur radikalen Frauenbewegung eine weitgehend in Vergessenheit geratene Facette der Frauen- und Geschlechtergeschichte aufgearbeitet. Damit hat sie auch die Basis für aktuelle Überlegungen geschaffen, die etwa der Frage nachgehen, warum der radikale Flügel der Frauenbewegung eigentlich so ›radikal‹ aus der Geschichte ausgeschrieben werden konnte. An dieser Stelle setzen die historiographiekritischen Beiträge von Kerstin Wolff und Sylvia Schraut in unserem Heft an. Sylvia Schraut zeigt auf, dass Frauenkongresse und Publikationen über die damalige Frauenbewegung durchaus als Versuche zu analysieren sind, öffentliche Deutungshoheit nicht nur über die aktuelle Ausrichtung der Bewegung zu erlangen, sondern auch über ihre zukünftige Rezeption. Dabei erwies sich – langfristig betrachtet – der bürgerlich-gemäßigte Flügel der historischen Frauenbewegung als deutlich erfolgreicher: Seine Existenz war den Zeitgenoss*innen der frühen Bundesrepublik zumindest noch bekannt. Anhaltspunkte für die Bedingungen von kollektiver Erinnerung oder kollektivem Vergessen finden sich im Beitrag von Kerstin Wolff. Sie hat zentrale Bewegungszeitschriften, nämlich Die Gleichheit, Die Frau und Die Frauenbewegung, darauf hin untersucht, inwieweit sie damals schon Geschichtspolitik betrieben, d. h. versuchten, sich selbst in die Tradition von noch früheren sozio-kulturellen Bewegungen oder innovativen Vordenker*innen zu stellen. Dabei wird deutlich, wie geschichtsvergessen v. a. das zentrale Organ der radikalen Frauenrechtlerinnen, Die Frauenbewegung, war. Das Blatt konzentrierte sich auf die Ausgestaltung eines künftigen demokratischen, geschlechtergerechten Staats, so dass es im Gegensatz zu Organen der gemäßigt-bürgerlichen und proletarischen Frauenbewegung kaum frauengeschichtliche Darstellungen enthielt.

Wir haben unserem einleitenden Beitrag ein Zitat von Ulla Wischermann vorangestellt. Das ist kein Zufall, denn wir wollen mit diesem Heft ihr Werk und ihr vielfältiges wissenschaftliches Wirken würdigen. Ulla Wischermann gehört zu jenen Wissenschaftlerinnen, die die Bedeutung, die Funktion und das innere Funktionieren von feministischen Netzwerken und Bewegungen im deutschsprachigen Kontext tiefgehend erforscht haben. Untersuchungen zum Kampf um Politikmächtigkeit und zur Konstituierung feministischer Öffentlichkeiten kennzeichnen ihre Arbeiten (vgl. schon in frühen Arbeiten Wischermann 1984, 1987). Im Laufe ihrer Beschäftigung mit der historischen Frauenbewegung hat Ulla Wischermann ihr Hauptaugenmerk verlagert, weg von Diskursen in hegemonialen Öffentlichkeiten hin zu bewegungsinternen Debatten, Dynamiken und v. a. Netzwerken (v. a. 2003), sie hat schließlich auch den »Gendered space« (2004) und transkulturelle Frauenbewegungen in ihre Arbeiten einbezogen und damit feministische Forschung und feministisches Wissen bereichert. Regine Othmer und Mechthild Veil würdigen in ihrem Beitrag unter der Rubrik In eigener Sache die jahrzehntelange Tätigkeit von Ulla Wischermann als Redakteurin und Herausgeberin der feministischen studien. Sie hat auch das Cornelia Goethe Zentrum für Frauenstudien und die Erforschung der Geschlechterverhältnisse mit aufgebaut und viele Jahre geleitet. Wir Heftherausgeberinnen haben sie nicht zuletzt als Weggefährtin in der Fachgruppe Medien, Öffentlichkeit und Geschlecht in der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK), als ebenso verlässliche wie inspirierende Koautorin, als solidarische Kollegin und als Freundin kennen und schätzen gelernt. Ulla Wischermann zu Ehren haben wir dieses Heft geplant.

Tanja Thomas, Elisabeth Klaus und Susanne Kinnebrock

Tübingen, Salzburg, Augsburg, im März 2017

 

1      Die Beiträge beschäftigen sich mit unterschiedlichen feministischen Kämpfen, Öffentlichkeiten und Bewegungen, die auch historisch weit auseinanderliegen und unterschiedlich gut erforscht worden sind. Durch die Schreibweise ›queer_feministisch‹ wollen wir auch an lesbische, transfeministische oder postkoloniale Kämpfe erinnern und diese sprachlich zu erkennen geben.

 

Literatur

Engel, Antke (2001): Die VerUneindeutigung der Geschlechter – eine queere Strategie zur Veränderung der gesellschaftlichen Machtverhältnisse? In: Heidel, Ulf / Micheler, Stefan / Tuider, Elisabeth (Hrsg.): Jenseits der Geschlechtergrenzen. Sexualität, Identitäten und Körper in Perspektiven der Queer Studies, Hamburg. 346 – 364.

Fraser, Nancy (2009): Feminismus, Kapitalismus und die List der Geschichte. In: Blätter für Deutsche und Internationale Politik, Nr. 8, 43 – 57.

Hark, Sabine (2005): Dissidente Partizipation. Eine Diskursgeschichte des Feminismus. Frankfurt a. M.

Hark, Sabine / Villa, Paula-Irene (Hrsg.)(2015): Anti-Genderismus. Sexualität und Geschlecht als Schauplätze aktueller politischer Auseinandersetzungen. Bielefeld.

Klaus, Elisabeth / Drüeke, Ricarda (2017): Öffentlichkeiten und gesellschaftliche Aushandlungsprozesse. Theoretische Perspektiven und empirische Befunde. Bielefeld.

Knapp, Gudrun Axeli (1996): Traditionen – Brüche. Kritische Theorie in der feministischen Rezeption. In: Scheich, Elvira (Hrsg.): Vermittelte Weiblichkeit. Feministische Wissenschafts- und Gesellschaftstheorie. Hamburg, 113 – 151.

Klinger, Cornelia (1998): Feministische Philosophie als Dekonstruktion und Kritische Theorie. Einige abstrakte und spekulative Überlegungen. In: Knapp, Gudrun Axeli (Hrsg.): Kurskorrekturen. Feminismus zwischen Theorie und Postmoderne. Frankfurt a. M., 242 – 256.

Mendel, Iris (2015): WiderStandPunkte. Umkämpftes Wissen, feministische Wissenschaftskritik und kritische Sozialwissenschaften. Münster.

McRobbie, Angela (2010): Top Girls: Feminismus und der Aufstieg des neoliberalen Geschlechterregimes. Wiesbaden.

Planert, Ute (1998): Antifeminismus im Kaiserreich. Diskurs, soziale Formation und politische Mentalität. Göttingen.

Schallner, Berit (2016): Widerspenstige Wissenschaft: Zur Frühgeschichte der historischen Frauenforschung (1973 – 1978). In: Ariadne – Forum für Frauen- und Geschlechtergeschichte, Nr. 70, 34 – 41.

Thomas, Tanja (2013): Feministische Medien- und Kommunikationswissenschaft. Positionen zu Gesellschaftskritik, Erkenntniskritik und Emanzipationsvision. In: Karmasin, Matthias / Rath, Matthias / Thomaß, Barbara (Hrsg.): Normativität in der Kommunikationswissenschaft. Wiesbaden, 397 – 420.

Wischermann (2004): Der Kommunikationsraum Internet als Gendered Space. In: Medien & Kommunikationswissenschaft 52, Nr. 2, 214 – 229.

Wischermann, Ulla (2003): Frauenbewegungen und Öffentlichkeiten um 1900. Netzwerke, Gegenöffentlichkeiten, Protestinszenierungen. Königstein / Taunus.

Wischermann, Ulla (2000): Geschichte(n) der Frauenbewegung in Deutschland. Ereignisse, Themen und ihre Konjunkturen. In: Ariadne – Forum für Frauen- und Geschlechtergeschichte Nr. 37 / 38, 22 – 29.

Wischermann, Ulla (1987): Die Presse der deutschen Frauenbewegung. In: Presse und Geschichte II. Neue Beiträge zur historischen Kommunikationsforschung. München u. a., 349 – 363.

Wischermann, Ulla (1984): Die Presse der radikalen Frauenbewegung. In: Feministische Studien 3, Nr.1, 39 – 62.

Wolff, Kerstin (2012): Ein Traditionsbruch? Warum sich die autonome Frauenbewegung als geschichtslos erlebte. In: Paulus, Julia / Silies, Eva-Maria / Wolff, Kerstin (Hrsg.): Zeitgeschichte als Geschlechtergeschichte. Neue Perspektiven auf die Bundesrepublik. Frankfurt a. M., 257 – 275.