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Feministische Studien online

Archiv 1993-2017

Heft 2 Dezember 2016 

EINLEITUNG

Gender und Politiken der Migration

In einer ersten Eingabe an den Stadtrat beklagte das Göttinger Frauenforum letzten Oktober in Reaktion auf die Fluchtbewegungen des Sommers, dass „im Fokus von Unterbringung und Angeboten immer noch allein reisende, junge Männer“ stünden. Die Frauen forderten: „Sollen Perspektiven einer langfristigen Integration verfolgt werden, muss der Fokus auf Flüchtlingsfrauen verstärkt werden, sowohl bezüglich besonderer Gewalterfahrungen und Bedrohung als auch in ihrer Rolle als Motor für Integration und Stabilität.“ (26.10.2015) Während noch vor wenigen Jahren Schutzbelange von Flüchtlingsfrauen im Rathaus keine Mehrheit fanden, wurde der Frauenforums-Antrag diesmal überfraktionell im Stadtrat angenommen und beschlossen, die „Situation von Flüchtlingsfrauen“ sowohl im Bereich der Unterbringung als auch in Beratungs- und Unterstützungsangeboten in der nächsten Zeit besonders in den Blick zu nehmen. Eine derartige Sensibilität für geschlechtsspezifische Erfahrungen (in) der Flucht und die Notwendigkeit insbesondere für frauenspezifische Schutz- und Fördermaßnahmen sowohl seitens staatlicher Akteure als auch im breiten Feld der professionellen und ehrenamtlichen Flüchtlingsarbeit lässt sich bundesweit als Trend erkennen.[1] Aus feministischer und migrationspolitischer Sicht ist dies längst überfällig und daher zunächst positiv zu bewerten. Jedoch haben die asylrechtlichen Verschärfungen im Anschluss an die beiden Asylpakete des deutschen Bundestages sowie der Maßnahmen zur Eindämmung der Flucht_Migrationsbewegungen[2] und zur Rückgewinnung der Kontrolle staatlicher Grenzregime auf europäischer Ebene gerade zu einer massiven Verschlechterung der Situation von Frauen und Kindern, die seit Beginn  des Jahres überproportional entlang der inzwischen offiziell geschlossenen „Balkanroute“ auf der Flucht waren, geführt.[3]

Zudem wird seit dem letzten Sommer und den Fluchtbewegungen nach Europa Geschlecht im Kontext von Flucht und Migration nicht nur hinsichtlich der Implementierung gendersensibler Programme, sondern auch in problematisierender Weise und Absicht thematisch. Dabei haben weite Teile der Medien und der Politik schon vor den Ereignissen der Silvesternacht in Köln und anderen deutschen Städten 2015/16 die Figur des „gefährlichen allein reisenden männlichen Flüchtlings“[4] geprägt. Vielfach wurde die „Flüchtlingskrise“ als eine „männliche Bedrohung“ porträtiert, während die wenigen zu Frauen in der Flucht erschienenen Printmedientexte vor allem „Frauen und Kinder“ in den Blick rückten, diese als besonders „vulnerable Gruppe“ darstellten und Schutzlücken problematisierten (z.B. Der Spiegel 9.9.2015; SZ 25.7.2015). In der medialen und politischen Repräsentation wird dabei meist verschwiegen, dass weltweit seit Jahrzehnten die Hälfte aller Geflüchteten Frauen und Mädchen sind. Sie flüchten aus denselben Gründen wie Männer, nämlich aus Armut und Verelendung, vor Krieg, Verfolgung und politischer Unterdrückung, aber eben auch aus geschlechtsspezifischen Fluchtgründen. Dabei ist empirisch jedoch zu konstatieren, dass Frauen oft andere, weniger offensichtliche Fluchtwege als Männer nutzen und zum Teil auch andere Fluchtziele wählen (vgl. u.a. Kastner 2014). Außerdem ist es für Frauen in Europa oft schwerer, Asyl zu erhalten, was in einer sexistisch orientierten Anhörungspraxis begründet liegt, die v.a. Männer als Haushaltsvorstände anspricht, um für die gesamte Familie Asyl zu beantragen.

Die Ereignisse der Silvesternacht von Köln haben die neue Drohkulisse des „allein reisenden männlichen Flüchtlings“ in weiten Teilen der Bevölkerung endgültig plausibel gemacht und zu einem gesellschaftlichen Stimmungsumschwung bezüglich der Fluchtbewegungen beigetragen. Dabei betrieben auch einige feministische Stimmen eine Politik der Angst und meinten, vor „öffentliche(m) sexuelle(n) Terror gegen Frauen“ seitens des organisierten Islam warnen zu müssen (vgl. Schwarzer 2016). Diese Thematisierung von Geschlecht – oftmals im Sinne von Geschlechtergleichheit als westliches Kulturgut – steht im Zusammenhang eines seit Jahren zunehmenden antimuslimischen Rassismus (Attia 2009; 2015; Marx 2009), der auf zwei gesellschaftlich wohl etablierten, orientalisierenden Narrativen – des patriarchalem Islam und der passiven, abhängigen Flüchtlingsfrau – aufbauen kann. So ging es in der diskursiven Bearbeitung der Kölner Ereignisse vor allem auch um die Repräsentation der zum Opfer werdenden weißen Frau, die vor dem aggressiven nicht-weißen bzw. muslimischen Mann geschützt werden müsse. Damit wurde das Täterprofil der ausländischen Männer entworfen, sexistische und gewaltvolle Strukturen verschleiert und Missstände ethnisiert, was Gabriele Dietze von einem neuen „Ethnosexismus“ sprechen lässt (Dietze 2016).

Angesichts dieser neuen, oftmals gar schrillen Überbelichtung von Geschlecht in den flüchtlings- und migrationspolitischen Diskursen des Sommers 2015 einerseits – Alice Schwarzer spricht von „sexwars“ – und des sachten Einzugs genderbezogener Sensibilitäten und Maßnahmen in die konkrete Politik bei gleichzeitigen gravierenden asylrechtlichen Verschärfungen gerade für Flüchtlingsfrauen andererseits hat sich in Niedersachen ein Forschungsnetzwerk Migration und Gender@Niedersachen formiert, das diese Perspektive an die feministischen studien herantrug.[5] Dabei war der Call zu dieser Ausgabe von der Einsicht geleitet, dass der Überbelichtung von Geschlecht im (aktuellen) öffentlichen Diskurs über Flucht bis heute eine noch immer weitgehende Unterbelichtung der Kategorie in wissenschaftlichen Studien zu Flucht und Migration gegenüber stehe.

Mit dem Schwerpunkt ‚Gender und Politiken der Migration’ verfolgen wir das Ziel, den aktuellen medialen und politischen Auseinandersetzungen mit gender- und migrationsanalytisch fundierten Beiträgen zu begegnen. Wir stellen aktuelle Ansätze in Forschungen zu Flucht, Migration und Grenze vor, die trotz unterschiedlicher empirischer Felder alle der Frage nachgehen, wie Geschlecht in den Politiken der Migration aufgerufen und praktiziert wird und welche genderbezogenen Effekte diese Politiken zeitigen. Dabei weisen die in diesem Heft versammelten Beiträge nicht nur darauf hin, dass Gender eine zentrale Strukturkategorie von Migrations- und Fluchtbewegungen darstellt – was die genderbezogene Migrationsforschung bereits seit den 1990er Jahren konstatiert hat (u.a.Morokvasić 1984; Hondagneu-Sotelo 1994; Mahler/Pessar 2001) –, sondern machen auch empirisch deutlich, wie verschieden und konfliktuell Geschlecht von allen jeweils beteiligten Akteur_innen und auf den unterschiedlichsten Ebenen relevant gesetzt, ausgehandelt und zum Einsatz gebracht wird. Dabei folgen wir der von Vicky Squires (2010) in den Begriff der „politicsofmobility“ eingeschriebenen Doppeldeutigkeit und fokussieren sowohl die Seite der Regulation und des Regierens der Migration als auch die Politiken, Strategien und Praktiken der Migrierenden selbst, die einen zentralen dynamischen Faktor in der Hervorbringung und Genese von Migrations- und Grenzregimen darstellen.

Das vorliegende Heft ist somit von dem Anliegen geprägt, Beiträge zu präsentieren, die Praktiken von Migrierenden und des Regierens der Migration beleuchten, welche vielfach durch medial vermittelte öffentliche Debatten mitstrukturiert sind. Dabei haben Arbeiten wie etwa die von Mirjana Morokvasić (2009), eine der Vorreiterinnen einer genderbezogenen Migrationsforschung, deutlich gemacht, dass Geschlechterverhältnisse Migrations- und auch Fluchtprozesse, -wege und -muster sowie Aufenthaltsverläufe und Integrationschancen kontextspezifisch und in ambivalenter Weise beeinflussen und ihrerseits wiederum auf ganz verschiedene Weise durch die Migrationen verändert werden. Forschungen zu Arbeitsmigration, zu Care-Migration ebenso wie Studien zu Heiratsmigration und der besonders kontrovers diskutierten Sexarbeit als transnationalem Arbeitsbereich haben die Einsicht befördert, dass in der Analyse von Migrationspraktiken nicht-ökonomische Faktoren ebenso wichtig sind wie ökonomische. Sie haben zudem die Notwendigkeit aufgezeigt, dass die individuellen Migrationspraktiken mit der Verschärfung gesellschaftlicher Disparitäten – u.a. entlang von Klasse, Geschlecht und Ethnie – in Beziehung gesetzt werden müssen, um die vielfältigen Positionierungen entschlüsseln zu können, die Migrant_innen als Ehefrauen, Arbeiter_innen, Mütter, Töchter oder Staatsbürger_innen einnehmen. Die Arbeiten haben dabei schon vielfach angedeutet, dass Geschlecht eine zentrale Strukturkategorie auf der Ebene der Regulation darstellt (vgl. Lutz 2010), doch bislang haben nur wenige explizit den Fokus darauf gelegt, wie Gender auf der Ebene des Regierens relevant gesetzt und ausgehandelt wird.

Während der Arbeit an der Herausgabe des Heftes und beeinflusst durch die medialen und politischen Verhandlungen der Ereignisse in der Silvesternacht in Köln und anderen deutschen Städten entschieden wir uns für die Aufnahme eines bereits 2008 veröffentlichten und in dieser Ausgabe wieder abgedruckten Aufsatzes von Miriam Ticktin, eine Mitbegründerin des internationalen und interdisziplinären Forschungsfeldes der Humanitarismusforschung. Der Text erscheint uns aus mehreren Gründen lesenswert: Am Beispiel der medialen Verhandlungen sexueller Gewalt gegen Frauen im Zuge der Vergewaltigungsfälle in der Pariser Banlieue sowie  anhand der öffentlichen Kontroversen zu Frauenhandel und der Kopftuchdebatte Anfang der 2000er zeigt Ticktin, wie sich ein politischer Diskurs und ein politisches Praxisfeld konstituieren, die sie als „humanitarian power“ beschreibt, und die vor allem mit dem Argument des Schutzes von (migrantischen) Frauen operieren. Dabei kann sie nicht nur zeigen, wie der Diskurs nordafrikanische und muslimische Männern als ‚unzivilisiert‘ und ‚kulturelle Andere‘ konstruiert, sondern hierüber auch Politiken der Grenzsicherung und Einwanderungskontrolle legitimiert wurden.

Ticktin geht in ihrer Analyse aber noch weiter und führt die Instrumentalisierung frauenrechtlicher Argumente auf zwei unterschiedliche Diskurse zurück: Erstens würden tief verwurzelte koloniale Strukturen zu Sexualität und Moral aktualisiert und zweitens auf einen in den 1990er Jahren aufkommenden, transnationalen feministischen Diskurs zu Gewalt gegen Frauen abgestellt, der – wie sie es fasst – eine „politicsofthebody“ gegen eine „politicsofsocialjustice“ (2011: 250) gesetzt habe mit dem Effekt, dass gerade sexualisierte Gewalt gegen Frauen „a keysiteforthemanagementofdifference“ wurde (2008: 883). Diese differenzierte Analyse ermöglicht es nicht nur zu verstehen, wie Geschlecht in den Politiken der Migration genutzt wird, sondern macht darüber hinaus die Paradoxie des Diskurses zu Gewalt gegen Frauen deutlich, der zwar einerseits Frauen ermutigt, sich gegen gewaltvolle Strukturen zur Wehr zu setzen, andererseits aber dazu dient, diese Gewalt im Gewand nationalistischer und imperialer Projekte fortzuschreiben.

Auch für andere europäische Länder können Forschungsarbeiten zeigen, dass insbesondere im Zusammenhang mit den Entwicklungen seit dem 11. September 2001 und einem zunehmenden antimuslimischen Rassismus „Frauenrechte“, „Geschlechterverhältnisse“ und „Gewalt gegen Frauen und Homosexuelle“ im Westen einen zentralen Platz in rechtskonservativen, rassistischen und antifeministischen Diskursen einnehmen und damit auch zunehmend Verschärfungen von Migrationspolitiken gerechtfertigt werden (vgl. hierzu früh Fekete 2005; Haritaworn/Tauqir/Erdem 2007; Erdem 2011; Hess 2012). Die aktuelle Debatte in Deutschland verdeutlicht aber auch, dass die Vereinnahmung des Frauenrechtsdiskurses für Anti-Migrationsdebatten nicht nur in rechten Strömungen, sondern über weite Teile des politischen Spektrums zu verorten ist.

Dass die aktuelle Nutzung von Geschlecht für nationalistische Zwecke nichts Neues ist, sondern in einer langen Tradition der Selbsterzählung Westeuropas als Ursprung von Modernität, Fortschritt und zivilisatorischer Überlegenheit steht, zeigen auch Manuela Boatcă und Julia Roth in ihrem Beitrag. Indem sie der historischen Herausbildung von Ungleichheiten entlang von Staatsbürgerschaft und Geschlecht nachgehen, verdeutlichen sie, dass seit der europäischen Kolonialexpansion transregionale Ungleichheitsstrukturen mit okzidental-kapitalistischen Vorstellungen von Geschlecht und geschlechtlicher Arbeitsteilung verwoben sind und die jetzige Anrufung von Gender in den Politiken der Migration als ein Wiedererstarken kolonialer Gender- und Citizenship-Arrangements zu lesen ist.

Dabei erlauben rein diskursanalytisch argumentierende und auf Text- und Bild-exegetischer Ebene verortete Studien, die im Fokus einer Vielzahl kritischer Forschungsarbeiten stehen, zwar eine Analytik von Programmatiken und Repräsentationsregimen, jedoch lassen sich mit einem derartigen methodischen Zugang oftmals konflikthafte Aushandlungen und die Berücksichtigung sozialer Kräfteverhältnisse nur schwer einholen. Wesentlich ist es jedoch, den Einsatz frauenrechtlicher Argumente nicht alleine im Sinne ihrer Instrumentalisierung zu lesen, sondern zudem die Interessen, taktischen Einsätze und situativen Allianzen in den Blick zu bekommen, die auch mit einem Versprechen auf eine Zunahme politischer und sozialer Gestaltungsmöglichkeiten für genderpolitische Akteur_innen einhergehen.

Erst aus einer solchen Perspektive heraus kann beispielsweise sichtbar gemacht werden, dass auch migrantische Akteur_innen die Thematisierung und performative Hervorbringung von Geschlecht – und zum Teil auch normatives Geschlechterwissen – in ambivalenter Weise als Ressource einsetzen, wenn sie zum Beispiel mediale Bilder der fürsorglichen Migrant_innen oder erotisierende Imaginationen nicht-westlicher Frauen zu ihrem Vorteil nutzen. An diese Einsichten in die komplexen und höchst ambivalenten Wechselwirkungen von Gender und Migrations-/Fluchtprozessen schließen Beiträge in dieser Ausgabe an. In ihrem Aufsatz zu den sogenannten „Goldmädchen“ in Genf analysiert beispielsweise Katharine Braun die teils widersprüchlichen Migrationsstrategien bolivianischer Migrant_innen, die sich im Rahmen einer „sexualisierten Ökonomie des Überlebens“ bewegen. Dabei thematisiert Braun ebenso die Grenzen dieser Strategien angesichts restriktiver Migrationskontrollen und -politiken.

Ebenfalls Einblick in die vergeschlechtlichten Erfahrungen Migrierender gibt Miriam Stock in ihrem Diskussionsbeitrag, in dem sie die Fluchtrouten männlicher syrischer Geflüchteter nachzeichnet. Da in der Migrationsforschung Studien zu Konstruktionen von Männlichkeit im Kontext von Migration und Flucht nach wie vor eine Forschungslücke darstellen, eröffnet der Beitrag damit einen Zugang zu einer marginalisierten Perspektive in der Migrationsforschung.

Ein weitereres wichtiges Feld in der Migrationsforschung stellen die Border Studies und im deutschsprachigen Raum die Grenz(regime)forschung dar (u.a. Heimeshoff/Hess/Kron 2014). Die Border Studies fokussieren explizit Politiken, Technologien und Apparaturen der Regulation, die über ein (geografisch) weit aufgespanntes Netz unterschiedlicher Grenzakteure (re-)produziert werden. Dabei wurde die Bedeutung von Gender als eine zentrale Strukturkategorie für die Konstitution und konkrete Implementierung von Grenze bislang aber meist vernachlässigt. Erst wenige, vornehmlich praxeologisch orientierte Forschungsarbeiten untersuchen das Zusammenspiel von Gender und doingborder in konkreten sozialen Situationen, wobei auch sie darauf hinweisen, wie Frauenschutzargumente weltweit dahingehend zum Einsatz gebracht werden, dass sie eine restriktive Grenzkontrollpolitik legitimieren helfen. Miriam Ticktin spricht in dem vorliegenden Beitrag von „protectingwomenwhileprotectingborders“.

Auch die Mehrheit der Studien zu dem in der internationalen Migrationsforschung relativ neu verhandelten Phänomen der Transitmigration und des klandestinen Grenzübertritts – insbesondere unter Betonung der Gefährlichkeit der Reise – beziehen sich vornehmlich auf männliche Migration (vgl. Gerard/Pickering 2013). In das vorliegende Heft aufgenommen haben wir daher einen Beitrag von Miriam Gutekunst, die das Ziel verfolgt, Gender im Feld der Border Studies bzw. der Grenzregimeforschung als Analysekategorie nutzbar zu machen: Dabei setzt sie an einer Kritik an der Instrumentalisierung von Frauenrechtsdiskursen an und zeigt am Fall der Migration durch Heirat von Marokko nach Deutschland, wie Forderungen zur Nachweispflicht von Deutschkenntnissen für die Verschärfung der Asylpolitik in Anspruch genommen werden. Dabei verbleibt Gutekunst jedoch nicht auf einer rein diskursiven Ebene, sondern analysiert aus einer ethnographischen Perspektive wie die vergeschlechtlichten Diskurse in den Politiken der Migration wirksam werden und sich damit Prozesse des doinggender und doingborder wechselseitig konstituieren.

Gerade vor dem Hintergrund einer global zu beobachtenden Verschärfung und Militarisierung von Grenzregimen in Europa und Nordamerika sowie einer Externalisierung von Grenzen in die Transitländer sollte das an die interaktionstheoretische feministische Theorie angelehnte Diktum des doinggenderwhiledoingmigration auch auf das doingborder übertragen werden (Hess/Neuhauser/Schwenken 2016). Wenn „Grenze“ nicht der totalen Abschottung dient, sondern vielmehr Prozessen der Selektion im Sinne einer „differentiellen Inklusion“ (Mezzadra/Neilson 2013), schließen sich hier auch Studien aus dem Bereich der genderanalytischen Arbeitsmigrationsforschung an, die zeigen können, wie Gender bei der Herausbildung hierarchischer Arbeitsmärkte produktiv gemacht wird. In diesem Sinn fragt Karin Sardadvarin ihrem Beitrag anhand interpretativer empirischer Forschung danach, wie im Reinigungsgewerbe in Österreich migrantische Beschäftigte, Arbeitgeber_innen und andere Branchenakteure Geschlechterwissen (re-)produzieren und damit die geschlechtsspezifischen Ungleichheiten in diesem Arbeitssegment (mit) herstellen.

Relativ etabliert in der Flucht_Migrationsforschung sind unterdessen Studien, die Kritik üben an der lange vorherrschenden Geschlechtsblindheit im Asylrecht, insbesondere auch der Genfer Flüchtlingskonvention (Brabandt 2004, 2007; Pittaway/Bartolomei 2001). Bis heute können in vielen Ländern geschlechtsspezifische Fluchtgründe bei der Beantragung von Asyl nicht geltend gemacht werden, da asyl- und ausländerrechtliche Bestimmungen in den Aufnahmeländern den Verfolgungsgrund „Geschlecht“ und sexuelle Orientierung nicht anerkennen. In Deutschland werden zwar geschlechtsspezifische und nichtstaatliche Verfolgung seit 2005 explizit anerkannt, Untersuchungen zu konkreten Asylverfahren zeigen jedoch, dass kulturrelativistische Argumentationsweisen immer wieder zu einer Nichtanerkennung führen (vgl. Pelzer 2008). Der Frage, wie Gender im Asylrecht konstruiert, (re-)produziert und genutzt wird, geht auch Katharina Hübner in ihrem Beitrag nach. Sie widmet sich dabei insbesondere der Praxis des Anhörens und der Entscheidungsfindung in Asylverfahren, in denen queere Sexualität als Fluchtgrund verhandelt wird; dabei verschränkt sie rechtsanthropologische mit queerfeministischen Perspektiven. Damit greift der Beitrag eine Forschungslücke in Studien zur Asylpraxis als auch in der Migrationsforschung allgemein auf, in denen Sexualitätsperspektiven und queertheoretische Analysen weiterhin marginalisiert sind.[6]

In der Diskussion um Repräsentationspolitiken in der Flucht_Migrationsforschung werden die „RefugeeVoices“ inzwischen öfter aufgerufen; so richtete etwa das Journal ofRefugee Studies schon bald nach dem ersten Erscheinen im Jahr 1988 eine „Refugee Voice Section“ ein. Kritisch machen Godin und Doná (2016: 61) auf die Ambivalenzen des ‚Sprechenlassens’ aufmerksam: vielfach werden Sprechende viktimisiert und entpolitisiert, unterschiedlichste subjektive Erfahrungen werden zu einer Stimme hypostasiert oder aber kollektive Zusammengehörigkeit aufgrund situativer Position und Erfahrung unkenntlich gemacht. Wir sind überzeugt, dass Magdalena Freudenschuss und Simona Pagona mit ihrer Interviewcollage in unserer Rubrik ‚im Gespräch’ eine Möglichkeit gefunden haben, Madeleine Mado und Mai Shutta als geflüchtete, feministisch politische Subjekte zu Gehör zu bringen.

Auch wenn sich die Beiträge des Schwerpunkthefts in thematisch sehr unterschiedlichen Forschungsfeldern bewegen, so vereint sie doch der Anspruch, zweierlei im Blick zu haben – die (vergeschlechtlichten) Subjekte der Migration und ihre Erfahrungen einerseits und die Politiken der Kontrolle sowie die gesellschaftlichen Strukturen andererseits. Eine derart differenzierte Auseinandersetzung ist angesichts der derzeitigen Thematisierung von Geschlecht als politische Strategie des Schürens anti-migrantischer Ressentiments in öffentlich-politischen Debatten um Migrationspolitiken besonders geboten. Denn selbst wenn frauenrechtliche Diskurse aktuell von genau jenen Kräften genutzt werden, die nicht nur in der Migrationspolitik, sondern auch in Bezug auf Geschlechterfragen eine rechtskonservative Agenda verfolgen, so eröffnet die Diskussion geschlechterpolitischen Akteur_innen vielleicht Möglichkeiten, ihre Erkenntnisse und Standpunkte verstärkt in die öffentliche Debatte einzubringen. Das bedeutet, die verstärkte Aufmerksamkeit gegenüber Gender im Kontext von Migration nicht per se als reine Instrumentalisierung zu kritisieren, sondern den Blick für die Paradoxien und ambivalenten Effekte der Genderpolitiken zu schärfen – wie dies beispielsweise an der verstärkten nationalen wie internationalen Implementierung frauenspezifischer Schutz- und Fördermaßnahmen oder der Formulierung gendersensibler Maßnahmenkataloge im Kontext von Migration deutlich wird. Analysen, die auf einer diskursiven Ebene untersuchen, wie Gender in hegemonialen Settings positioniert wird und wie die verschiedenen politischen Lager dies zur Durchsetzung und Legitimierung politischer Interessen einsetzen, sollten durch Untersuchungen ergänzt werden, die auch die Wirksamkeit von Gender in den konkreten Politiken der Migration – z.B. in der Regulierung des Grenzübertritts, in der Etablierung neuer Grenzen und Selektionsmechanismen, den Ökonomien der Migration oder in den Asylverfahren – analysieren. Genau solchen Arbeiten will das Heft einen Platz bieten.

Angesichts der aktuellen Diskurse zu Gender und Migration ist in der Geschlechterforschung und darüber hinaus eine Auseinandersetzung zum Verhältnis zwischen feministischen Aktivismus einerseits und Forschung andererseits dringlich, und hier besonders zur Frage, welche Sprengkraft feministische Interventionen im Sinne ihres emanzipatorischen Gehalts (noch) haben bzw. wie sie (wieder) als solche wirksam werden können: Visualisierungen solcher Auseinandersetzung bieten die Arbeiten der Künstlerin Petja Dimitrova, die wir in das Heft aufnehmen durften – mögen sie als Inspiration zu diesem Anliegen dienen.

Das vorliegende Heft mit dem Schwerpunkt ‚Gender und Politiken der Migration’ wird ergänzt durch ein zweites Interview in unserer Rubrik ‚im Gespräch’ und zwei Beiträge zur Diskussion:Zum ersten Mal hat die größte internationale International SociologicalAssociation (ISA) eine Vorsitzende, für die feministische und intersektionale Einsichten zur Selbstverständlichkeit einer kritischen Soziologie zählen. In den offenen Teil des Heftes haben wir ein Interview aufgenommen, das Brigitte Aulenbacher und Birgit Riegraf mit Margaret Abraham geführt haben. Als Professorin für Soziologie an der Hofstra University/USA verbindet Margaret Abraham seit vielen Jahren Patriachats- und Kapitalismuskritik in ihren transnational angelegten Studien zu Gewalt gegen (migrantische) Frauen und häusliche Gewalt; als Vorsitzende der ISA plädiert sie für partizipatorische Forschung und akademische Wissensproduktion im Dienst von Menschenrechten und sozialer Gerechtigkeit.

Der Text von Ursula Apitzsch lädt zur Diskussion ein über transnationale Leihmutterschaft, die die Autorin in eine historische Kontinuität der Missachtung und Entwertung von Care stellt – und dabei die Ambivalenzen der Auffassung von Care als Arbeit ebenso problematisiert wie sie die Vorstellung von Mutterschaft als bezahlte Dienstleistung kritisiert, die im Deutschen mit dem Begriff der ‚Leihmutterschaft’ verbunden ist.

Mit einem Diskussionsbeitrag zur Erinnerungskultur in der feministischen Wissenschaft stellt Julia Gruhlich einen machttheoretisch und sozialpsychologisch angelegten Versuch an, Ursachen und Bedingungen für Spannungen, Machtasymmetrien und Hegemonien unter Geschlechterforscher_innen auf die Spur zu kommen: Am Beispiel der Kontroversen während der Jahrestagung des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung NRW diskutiert sie Hürden und Ausgangspunkte, die kollektive feministische Anstrengungen für eine herrschaftskritische Wissensproduktion und Politik befördern können.

Sabine Hess, Johanna Neuhauser und Tanja Thomas


[1]Gerade hat z.B. auch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend „Mindeststandards für Kinder, Jugendliche und Frauen in Flüchtlingsunterkünften“ aufgestellt (http://www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Abteilung5/Pdf-Anlagen/schutzkonzept-fluechtlinge,property=pdf,bereich=bmfsfj,sprache=de,rwb=true.pdf)

[2] Da die starke kategoriale Trennung zwischen Flucht- und Migrationsprozessen infrage zu stellen ist, folgen wir van Hear (1998), der von einem Migrations-Flucht-Nexus bzw. von einem Migrations-Flucht-Kontinuum spricht.

[3] UNICEF sprach bereits für Januar 2016 von nahezu 60 Prozent Frauen und Kindern auf der Route. Berichte und aktuelle Feldforschungen bestätigen diesen Trend.

[4]Vgl. hierzu ausführlicher Hess/Neuhauser/Schwenken 2016

[5] Unser Dank gilt insofern auch Nana Heidenreich, Simona Pagano und Helen Schwenken, die zusammen mit Johanna Neuhauser und Sabine Hess in einer einjährigen kollaborativen Debatte und Konferenzorganisation (2015 in Göttingen) dazu beigetragen haben, die Forschungsfelder zusammenzutragen, zu sichten und eine stringente Argumentation zu entwickeln, die darauf abzielt, ein neues Forschungsfeld der gendertheoretischen Flucht- und Grenzforschung zu formieren.

[6]So kritisieren Castro Varela und Dhawan (2009), dass migrierende Menschen zwar nicht mehr nur als männlich repräsentiert, jedoch überwiegend als heterosexuell gedacht werden (ebd.: 103). Den Refugee Studies fehlt es aber auch genereller an einem weiten Verständnis von Gender als zentrales organisierendes Prinzip von Flucht und Migration sowie der Erfahrungswelt von Fliehenden und Migrierenden (Hess/Neuhauser/Schwenken 2016).

Literatur

Attia, Iman (2009): Die „westliche Kultur“ und ihr Anderes. Zur Dekonstruktion von Orientalismus und antimuslimischem Rassismus. Bielefeld.

Attia, Iman (2015): Dominanzkultur reloaded. Neue Texte zu gesellschaftlichen Machtverhältnissen und ihren Wechselwirkungen. Bielefeld.

Brabandt, Heike (2004): Frauen und Asyl Geschlechtsspezifische Fluchtgründe im deutschen Asyl-und Ausländerrecht. In: Roß, Bettina (Hrsg.): Migration, Geschlecht und Staatsbürgerschaft. Wiesbaden, 103-126.

Castro Varela, María do Mar/Dhawan, Nikita (2009): Feminsitische Postkoloniale Theorie: Gender und die (De-)Kolonialisierungsprozesse. Europa provinzialisieren? Ja, bitte! Aber wie? In: feminapolitica 2, 9-18.

Dietze, Gabriele (2016): Das ‚Ereignis Köln‘´. In: feminapolitica 25 (1), 93-102.

Erdem, Esra (2009): In der Falle einer Politik des Ressentiments. Feminismus und die Integrationsdebatte. In: Binder, Jana/Hess, Sabine/Moser, Johannes (Hrsg.): Nointegration?! Kulturwissenschaftliche Beiträge zur Integrationsdebatte in Europa. Bielefeld, 187-203.

Fekete, Liz (2005): Aufgeklärter Fundamentalismus? Einwanderung, Islam und andere Kulturdelikte. In: Der Wisch – ZeitschriftfürVielseitige 5, 5–26.

Gerard, Alison/Pickering, Sharon (2013): Crimmigration: Criminal Justice, Refugee Protection and the Securitisation of Migration. SSRN Scholarly Paper, Rochester, NY.http://papers.ssrn.com/abstract=2698974 (20.5.2016).

Godin, Marie/Doná, Giorgia (2016): “Refugee Voices,” New Social Media and Politics of Representation: Young Congolese in the Diaspora and Beyond. In: Journal ofRefugee Studies 1/32, 60-71.

Haritaworn, Jin / Tauqir, Tamsila / Erdem, Esra (2007): Queer-Imperialismus: eine Intervention in die Debatte über „muslimische Homophobie“. In: Hà, KiênNghị / Lauré al-Samarai, Nicola / Mysorekar, Sheila (Hg.): re/visionen. Postkoloniale Perspektiven von People of Color auf Rassismus, Kulturpolitik und Widerstand in Deutschland. Münster. 187–206

Van Hear, Nicolas (1998): New Diasporas: Mass Exodus, Dispersal and Regrouping of Migrant Communities. New York.

Heimeshoff, Lisa-Marie / Hess, Sabine / Kron, Stefanie / Schwenken, Helen / Trzeciak, Miriam (Hg.) (2014): Grenzregime II. Migration, Kontrolle, Wissen: transnationale Perspektiven. Berlin

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Hess, Sabine/Neuhauser, Johanna/Schwenken, Helen (2016): Unter- oder überbelichtet: Die Kategorie Geschlecht in medialen und wissenschaftlichen Diskursen zu Flucht. In: Hess, Sabine/ Kasparek, Bernd/ Kron, Stefanie u.a. (Hg.): Der lange Sommer der Migration. Grenzregime III. Berlin, forthcoming

Hondagneu-Sotelo, Pierrette (1994): Gendered transitions. Mexican experiences of immigration. Berkeley.

Kastner, Kristin (2014): Zwischen Suffering und Styling: Die lange Reise nigerianischer Migrantinnen nach Europa. Berlin.

Lutz, Helma (2010): Gender in the Migratory Process. In: Journal of Ethnic and Migration Studies 36 (10), 1647-1663.

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Pelzer, Marei (2008): Frauenrechte sind Menschenrechte – auch für Flüchtlingsfrauen? Asyl aufgrund geschlechtsspezifischer Verfolgung. In: feminapolitica (1), 93-104.

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Der Spiegel, 09.09.2015: Geschlecht und Asyl: Frauen und Kinder zuletzt.
http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/fluechtlinge-warum-vor-allem-maenner-nach-deutschland-kommen-a-1051755.html (17.10.2015).
 

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Ticktin, Miriam (2008): Sexual Violence as the Language of Border Control: Where French Feminist and Anti‐immigrant Rhetoric Meet. In: Signs 33(4), 863-889.

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