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Feministische Studien online

Archiv 1993-2017

Heft 1 Mai 2015 

EINLEITUNG

Solidaritäten – theoretische Einsichten und soziales Handeln

Solidarität als Begriff und Praxis zu thematisieren, ist für feministische Forschung wahrlich nicht neu, wenn auch in den vergangenen Jahren häufig in Vergessenheit geraten. Den Begriff – hier bewusst im Plural verwendet – wieder zu beleben und zugleich seine Verwendungsweisen kritisch und differenziert zu befragen, ist angesichts aktueller gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen ein wichtiges und herausforderndes Unterfangen. Im Moment des Schreibens dieser Einleitung erfahren wir vom Tod von mehr als 300 Menschen, die, mit Schlauchbooten auf der Flucht von Libyen nach Italien, im Mittelmeer ertrunken sind. Solidarität wird hier zu Recht gefordert und im Diskurs über Menschenrechte verortet. Solidarität wird auch auf die Straße getragen – nach dem terroristischen Anschlag auf die Pariser Redaktion der satirischen Zeitschrift Charlie Hebdo bekundeten unzählige Menschen öffentlich ihre Solidarität mit den Opfern und demonstrierten für die Freiheit der Presse.

›Globales‹ Involviertsein, seine Deutungen und Erfahrungen, geht einher mit der Vervielfältigung direkter, aber auch medial vermittelter transkultureller Begegnungen, die Werthorizonte erweitern und sie zugleich herausfordern. Dies kann zu einer ›Konfrontiertheit‹ führen, die Judith Butler beispielweise mit Blick auf die ethischen Verpflichtungen diskutiert, die daraus entstehen, dass Menschen sich beständig auch mit jenen verbunden finden, die sie sich nie ausgesucht haben und sie auf Ansprüche reagieren müssen, die sie möglicherweise nicht verstehen.

Gleichzeitig werden insbesondere angesichts grenzüberschreitender Öffentlichkeiten vielfach so genannte ›globale Risiken‹ konstatiert – unabhängig davon, ob mit Hinweis auf einen sich rapide globalisierenden Kapitalismus, dereguliertes transnationales Wirtschaften und Arbeiten oder aber mit Blick auf Naturkatastrophen, Hungersnöte oder kriegerische Auseinandersetzungen. Optimistische Stimmen gehen davon aus, dass ein auf Demokratie und Recht aufbauender Kosmopolitismus neue Formen der Solidarität hervorbringen werde. Andere fordern, kosmopolitische Solidarität als Arbeit anzusehen, damit Bezüge zu soziokulturellen Einbettungen, moralischen Verpflichtungen und politischen Praxen hergestellt werden – denn trotz einer teilweise unterstellten gemeinsamen Gefährdung aller durch globale Risiken ist die soziale Verwundbarkeit von Menschen – wie ein Blick auf bestehende Geschlechterungerechtigkeit erkennen lässt – äußerst unterschiedlich.

Solidarität erlebt nicht nur anlassbezogen eine Renaissance. In den intellektuellen Debatten zu einem neuen Konvivialismus werden Überlegungen zu solidarischem Zusammenleben theoretisiert, die dazu führen, dass Bewohner_innen von Großstädten etwa mit der Forderung auf das Recht auf Stadt oder in der Praxis des ›urban gardening‹ leben und Menschen mit und ohne Migrationserfahrungen in ›Schrebergärten 2.0‹ zusammenarbeiten lässt. Das Wissen um die lange Tradition feministischer Auseinandersetzungen mit Solidarität wird inzwischen auch vermehrt wieder aufgegriffen. Die Kontroversen um das Zusammengehören von ›Frauen-Solidarität‹ und ›Schwesternstreit‹, die Verschiebungen angesichts der Verabschiedung von einem Kollektivsubjekt ›Wir-Frauen‹, das Nachdenken über die Möglichkeit von Solidarität aus dem Lernen an der Verschiedenheit sind hier zentral und bleiben verbunden mit der Herausforderung, wie theoretische Einsicht und praktisches Handeln verknüpft werden können. Hieraus zu lernen, vergangene Kontroversen in gegenwärtigen zu aktualisieren und produktiv zu machen, ist Anliegen dieses Heftes. Im Heftschwerpunkt werden, anknüpfend an aktuelle geschlechtertheoretische und -politische Debatten und Ansätze, Solidarisierungsprozesse mit Blick auf soziale Transformationen diskutiert und zugleich ihre Widersprüchlichkeiten aufgezeigt.

Dass Auseinandersetzungen um Solidarität und Sisterhood nicht als überwunden oder gelöst gelten können, zeigen einige Beiträge in diesem Heft: Sie diskutieren, wie feministische Solidaritätskonzeptionen, die die Analyse von sozialen Kräfteverhältnissen und gesellschaftlichen Kontexten als unabdingbar erachten und Solidarität auch als politisches Projekt ansehen, aufgegriffen und weitergedacht werden können. Für diese theoretische Weiterentwicklung feministischer Solidarität haben insbesondere Ansätze der Black und postcolonial feminists – wie Patricia Hill Collins, bell hooks, Gayatri Chakravorty Spivak, Chandra Talpade Mohanty – Anstoß gegeben, die eurozentristische Vorstellungen von Schwesternschaft aufgrund übersozial und überkulturell entworfener Verbundenheit kritisierten und betonten, dass Solidarität in sozialen Kämpfen als Projekt gegen jeweils spezifische Verhältnisse produziert werden muss. Hieran anknüpfend kann das Anliegen aufgegriffen und weiter entwickelt werden, Differenzen innerhalb und zwischen Menschen entlang von Klassenverhältnissen, sexistischen und rassistischen Verhältnissen zu thematisieren sowie Vorurteile und entsprechende Handlungsweisen nicht zu individualisieren, sondern als strukturelle Ausblendung und Reproduktion hierarchischer Machtverhältnisse zu kritisieren. Wie Solidarität in politischen Prozessen zwischen kollektiven Akteur_innen hergestellt werden kann und welche Hindernisse bearbeitet, aber auch unbearbeitet sind, untersuchen die ersten beiden Beiträge zu Solidarität in Frauenbewegungen in der Türkei und Brasilien: Charlotte Binder, Aslı Polatdemir und Yasemin Karakaşoğlu befassen sich mit Bündnispolitiken der vielfältigen Frauenbewegungen in unterschiedlichen sozio-kulturellen Settings und Regionen der Türkei. Der Beitrag reflektiert einerseits mit Blick auf die Initiative Accomodating Diversity within Feminism in Turkey: The Amargi Women’s Cooperative, andererseits entlang von 2013 in Istanbul geführten Interviews mit Aktivist_innen Verständnisweisen von Solidarität und Bündnissen. Es werden Grenzziehungsprozesse deutlich gemacht, die derzeit feministische Solidaritäts- und Bündnispolitiken in der Türkei prägen.

Mit ihrer ebenfalls qualitativen, empirisch fundierten Studie stellt Antje Daniel vor, auf welche Weisen – affirmativ, aber auch strategisch – Aktivist_innen der Articulação de Mulheres Brasileiras (Zusammenschluss Brasilianischer Frauen) und des Marcha Mundial das Mulheres (Weltfrauenmarsch) auf transnationale Normen zur Anerkennung von Frauenrechten rekurrieren. Der Beitrag zeigt, wie der Bezug auf transnationale Normen kontextabhängig in Solidarisierungsprozessen bedeutsam gemacht und bündnisstiftend wirken, teilweise aber auch Profilierungszwecken dienen kann.

Mit der Überschrift Feminismus und Antirassismus – another unhappy marriage? spielen Iris Mendel und Petra Neuhold auf Heidi Hartmanns Text The Unhappy Marriage of Marxism and Feminism (1981) an: Anhand aktueller politischer Diskurse in Österreich zu ›kultureller‹ Gewalt gegen Frauen problematisiert ihr Beitrag historisch gewachsene, gegenwärtige Allianzen zwischen (pseudo-/post-)feministischen Argumentationen, Klassismus, Kolonialismus und Rassismus. Gefordert werden feministisch-antirassistische Formen der Solidarität, für die rassismuskritische Analysen historischer und gegenwärtig neoliberaler Machtverhältnisse eine zentrale Voraussetzung bilden.

Hanna Meißner diskutiert im darauf folgenden Beitrag Eine Renaissance der Kapitalismuskritik? Feministische Suchbewegungen zur Erneuerung radikaler Emanzipationsvisionen, wie Solidarität trotz der Verankerung kapitalistischer Vergesellschaftung im sozialen Gewebe und in den Subjektivierungsweisen entwickelt werden kann. Aus einer solchen Perspektive werden kapitalismusspezifische Formierungen von Sozialität einerseits als strukturelle Verhinderungsbedingungen von Solidarität erkennbar. Andererseits werden unter Rückgriff auf die Marxsche Idee der »theoretischen Visualisierung« Rekonstruktionsweisen struktureller Behinderungen ermöglicht und für Kritik und Widerstand zugänglich gemacht. Damit, so argumentiert Meißner, lässt sich Solidarität begründen, die nicht in substanziellen Ähnlichkeiten ankert und auch nicht auf gemeinsamen Bedürfnissen und Zielen beruht, sondern in der Erkenntnis geteilter Beschränkungen und Behinderungen.

Solidarität jenseits von Identität zu denken, schlagen auch Sabine Hark, Rahel­ Jaeggi, Ina Kerner, Hanna Meißner und Martin Saar im Diskussionsteil dieses Heftes vor: Solidarität soll politisch gedacht werden, das heißt hier, hervorgehen aus dem Anliegen des Teilens von dem, was allen zusteht und niemandem gehört: dem Allgemeinen (Energie, Wasser, Städte, Wohnraum, …) und damit dem, was im Kontext von umfassenden Vermarktlichungsprozessen ebenso wenig verschwindet wie festgeschrieben werden soll. Die Autor_innen schlagen vor, das Allgemeine als stets umkämpft und die Praktiken, Szenen und Orte des neuen Gemeinsamen als neue (un-)solidarische Praxisformen und Untersuchungsgegenstände empirisch zu erfassen und theoretisch zu durchdringen. Der Text bildet den Auftakt in unserer Rubrik »Diskussion«, die wir diesmal mit kurzen Texten bestückt haben, die aus verschiedenen Perspektiven Impulse und Thesen zum Thema Solidarität beisteuern. Für diese Idee haben wir noch

drei weitere Autorinnen gewinnen können. Elisabeth Voß richtet ihren Blick auf verschiedene Formen des solidarischen Wirtschaftens. Sie kritisiert damit verbundene Ambivalenzen und die Absichten ins Gegenteil verkehrende, nationalistische und rassistische Vereinnahmungen. Ihr dennoch engagiertes Plädoyer für solidarisches Wirtschaften versteht den konfliktreichen Kampf gegen Privatisierungen und für natürliche Ressourcen sowie würdige Arbeitsbedingungen als konstitutiven Teil eines solchen Projekts solidarischen Wirtschaftens von der lokalen bis hin zur globalen Ebene. Überlegungen zum Zusammenhang von Solidarität, Moral und Politik steuert Andrea Günter aus einer philosophischen Perspektive bei: Frauensolidarität entsteht aus ihrer Sicht als Praxis von Frauen, die als Subjekte eines moralisch Geteilten agieren, weil sie es wahrnehmen, beurteilen und gestalten. Solidarische Handlungen werden damit als Folge von Erkenntnissen, Urteilen und Entscheidungen von Einzelnen verstanden, als Ausdruck einer moralischen Identität. Diese entsteht – so Günter unter Rekurs auf Hannah Arendt – in intersubjektiven Prozessen, in denen Menschen ihre Identität in einer nicht verfügbaren und dennoch besseren Zukunft entwerfen können. Folgt man diesem Vorschlag, so lässt sich diskutieren, ob eine Analyse vorstellbarer Zukunftsentwürfe die als (un-)möglich erachteten Formen gegenwärtiger Solidarität aufzuschlüsseln vermag. Die Rubrik »Diskussion« endet mit einem Beitrag von Gisela Burckhardt von FEMNET und somit mit Beispielen praktizierter Solidarität: im Mittelpunkt steht ihr langjähriges Bemühen, mehr Aufmerksamkeit für die Lebens- und Arbeitssituation von Frauen vor allem in der Bekleidungsindustrie zu erzielen. Der Beitrag macht nicht nur die von ihr als Person und dem Projekt FEMNET ausgehende Solidarität sichtbar, sondern auch die Solidarität zwischen Frauen in gewerkschaftlichen Organisationen und NGO’s beispielsweise in Bangladesch und Indien. Zugleich wird unter der Prämisse »Solidarische Praxis erfahrbar machen« die Notwendigkeit des Austausches zwischen organisierten Beschäftigten, z.B. in Bangladesch und Deutschland, also das Ziel, Solidarität über Distanzen herzustellen, betont.

Ein anderer Fokus, wie solidarische Praxis erfahrbar gemacht werden kann, kommt in dem Gespräch mit Nivedita Prasad zum Tragen. Hier geht es um Migration, restriktive Asylpolitik, den Umgang mit Flüchtlingen und die von Studierenden und Professor_innen der Berliner Alice Salomon Fachhochschule praktizierte Solidarität mit den Bewohner_innen der Flüchtlingsunterkunft Berlin Hellersdorf. Aus differenztheoretischer Perspektive kritisch hinterfragt werden in diesem Gespräch sowohl der Begriff der Solidarität als auch der der Sisterhood. Paternalistische und hegemonial weiße Kampagnen und Denkansätze, so Prasad, sind grundsätzlich zu problematisieren.

In der Rubrik »Bilder und Zeichen« wird in diesem Heft ein eigens für die feministischen studien angefertigter Visual Essay von Katrin Mayer vorgestellt: Die Arbeit nimmt sich – ebenso wie Beitrag von Gisela Burckhardt – der brisanten Folgen vergeschlechtlichter kapitalistischer Produktionsweisen in der Bekleidungsindustrie an: Sie fußt auf der künstlerischen Auseinandersetzung mit den Arbeitskämpfen von Einwandererinnen in der New Yorker Bekleidungsindustrie im Jahr 1909. Hier formierte sich die International Ladies’ Garment Workers’ Union, deren solidarisches Aufbegehren unter anderem in der Produktion von Hemdblusen einen Ausdruck fand. Diese liefern das Motiv für unser Titelbild. Die Hemdbluse steht hier sinnbildlich für das Abrücken von einer Geschlecht(ernormierungen) hervorbringenden, vermachteten Kleiderordnung. Eva Birkenstock hat den einführenden Text zur Arbeit von Katrin Mayer geschrieben.

Die in diesem Heft wieder aufgenommene Rubrik »Archiv« enthält einen Text von Bernice Johnson Reagon über Coalition Politics. Er beruht auf einem Vortrag der bekannten Sängerin und Aktivistin auf dem West Coast Women’s Music Festival in Kalifornien (USA) im Jahr 1981. Johnson Reagon betont hier die Herausforderung, aber auch die Notwendigkeit von Bündnispolitik, die Differenzen berücksichtigt und nicht vorrangig die Gemeinsamkeiten zur Richtschnur sozialen Handelns und Protests macht.

Alle Beiträge im Heftschwerpunkt verweisen darauf, dass der Solidaritätsbegriff und die Solidaritätspraxen alte und neue Fragen aufwerfen. Der Bogen dabei ist weit gespannt: von sozialen Bewegungen und ihrem differenzierenden Ringen um Solidarität und punktuelle Bündnisse (Binder et al.) über wiederum andere Bewegungen, die sich bemühen, eine kollektive Identität ihrer Akteur_innen zu mobilisieren und ihnen gemeinsame Deutungsrahmen zu vermitteln (Daniel) bis hin zu einer Befürwortung fluider »Coalition Politics«, die – häufig mühsam und enttäuschend – de-essentialisierend wirken soll (Reagon). Über das Neudenken des Gemeinsamen, um den Begriff der Solidarität zu füllen (Hark et al.) sollte auch künftig intensiv diskutiert werden und wir hoffen, mit diesem Heft dafür einen Anstoß geben zu können.

»Außer der Reihe« haben wir einen Beitrag der Salzburger Kommunikationswissenschaftlerin Martina Thiele aufgenommen: Sie geht Lebenswegen und Karrieren von Kommunikationswissenschaftlerinnen der Aufbaugeneration nach und leistet damit einen Beitrag zur feministischen Fachgeschichtsschreibung. Anhand von fünf Biographien (Herta Herzog, Elisabeth Noelle, Marianne Lunzer-Lindhausen, Hertha Sturm und Elisabeth Löckenhoff) fragt die Autorin, welche Rolle den Strukturkategorien »Gender« und »Generation« in den Lebens- und Arbeitswegen der Wissenschaftlerinnen zukommt. Zugleich arbeitet sie die biographischen Gemeinsamkeiten und Unterschiede heraus und vergleicht dann die Wissenschaftskarrieren der Frauen mit denen der Männer.

Den Abschluss bilden, wie in jedem Heft Tagungsberichte sowie Rezensionen, die teilweise Bezüge zu dem Schwerpunkt der Ausgabe herstellen. Wir freuen uns, mit einer Filmkritik zu Pride von Stefanie Schüler-Springorum auch dazu anregen zu können, sich im Kino mit dem Thema Solidarität zu beschäftigen.

Besonders hinweisen möchten wir noch auf »In eigener Sache« am Schluss des Heftes. Hier werden die Leser_innen über unsere neuen Blogaktivitäten informiert, mit denen die feministischen studien (noch) aktueller werden wollen.

 

Tanja Thomas und Ulla Wischermann